epubli 2012
epubli 2012

Wer einen konventionellen 08/15-Historien-Roman erwartet, wird wohltuend positiv enttäuscht sein: Dafür sorgt schon die wundervolle Kulisse des Weltkulturerbe-Mittelrheintals mit trutzigen Burgen und steilen Rebenhängen; dazu der hervorragend thematisierte traditionelle mittelalterliche Weinbau und nicht zuletzt die anrührenden, symbolträchtigen, aber auch kecken Lieder des Volkes, mit denen es sich gegenüber der Obrigkeit Luft und sich selbst in allen Lebenslagen Lust verschafft. Dazu kommt noch die spirituelle Atmosphäre von Glaube und Aberglaube der Menschen am Mittelrhein um 1497.
Die eigentliche Hauptfigur ist die jugendliche Lenti, die solche Lieder schreibt und singt, aus ihren vielfältigen Erfahrungen mit schwerer Kindheit wegen ihres trunksüchtigen Vaters, mit mehrfacher Kerkerhaft wegen Unbotmäßigkeiten, aber besonders mit ihrer Liebe zu Goar, dem Enkel der betagten, freilich sehr agilen Weingräfin, die in der Titelrolle eine weitere überragende Identifikationsfigur abgibt. Schließlich hat die edle Dame Sorge zu tragen für ihr renommiertes Weingut und vor allem für die irgendwann anstehende künftige Weiterführung, für die sie keinen rechten Nachfolger sieht, nachdem ihr Sohn Florin auf einer Pilgerreise ins Heilige Land verschollen ist. Zumal auf dem Burggut das düstere Geheimnis einer Mordtat lastet, dessen Lüftung letztlich nicht verhindert werden kann. Ein wichtiger Protagonist ist zweifellos der hochgelehrte italienische Graf della Scala, der als gebrandmarkter Ketzer vor den päpstlichen Borgia-Schergen an den Mittelrhein zu seinen Weingut-Freunden fliehen musste. Della Scala erweist sich als gewiefter Fachmann für innovative Technik, die ihre Anfänge in der Antike hat und von seinem Freund Leonard da Vinci wiederentdeckt wurde, und er ist auch profunder Kenner für neue Weinanbaumethoden und dabei ein großer Feinschmecker gediegener Weine. Als Altsprachler ist er zudem Experte für biblische Schriften, in denen er durch Literaturvergleiche etliche Widersprüche, Fälschungen, Falschübersetzungen und andere Fehlleistungen entdeckt hat, die er in Mainz zu publizieren trachtet.
Dieses Buch gibt also auch einen äußerst interessanten historischen Gesellschaftsroman ab mit allen Ingredienzien aus Liebe, Intrige und Verschwörung und wartet auf mit unbedingt sehenswürdigen Schauplätzen. Zudem besticht dieser historische Roman durch seine Vielschichtigkeit, die dazu geschickt durchstrukturiert ist. Man verspürt sofort unbändige Lust, leibhaftig jede einzelne Location am Mittelrhein aufzusuchen und jenen Spuren zu folgen, die literarisch-fiktional von den freilich sehr lebensechten Figuren hinterlassen wurden. Denn so exzellent der Roman recherchiert ist, so zugänglich ist er auch hinsichtlich seiner Figuren. Sie agieren nachvollziehbar im Background ihrer Zeit, man vermag sie hautnah zu erfühlen und zu erleben. Es ist der eingehende Erzählstil, der es zwangsläufig mit sich bringt, dass man mit den Figuren mitfühlt, von den Protagonisten bis zu den Nebenfiguren. Man fiebert mit ihnen mit in ihren Nöten und ihren Freuden, baut also mit jeder Figur aus dem Roman eine spannende Beziehung auf, die bis zum Romanende anhält. Der erwähnte verschollene Sohn Florin nährt überdies die Hoffnung auf eine erwartungsvolle Fortsetzung, sodass der Schluss des Buches (mit einem sehr informativen Anhang zu den Daten und Fakten) hoffentlich nur ein Abschied auf Zeit ist.
(eBook und Taschenbuch)

 

M.Rauscher 2012