DVA 2014
DVA 2014

Norbert Leithold – Herrliche Zeiten

 

Immer den Kopf oben halten

 

„Herr-liche“ Zeiten, so müsste zunächst der Titel dieses Familienromans umschrieben werden.

 

Denn zu „Herren“ werden sie langsam, die Krypscholls Ende der Dreißiger, Anfang der 40er Jahre im dritten Reich. Auch wenn der Sohn der Familie, Otto, zunächst aus der Art zu schlagen droht.

 

Künstler will er werden, mit dem jüdische n Professor Fink steht er in engem Verhältnis, weglaufen will er von seinem übermächtig scheinenden, strikten und strengen Vater, der ihn „zu den Soldaten“ steckt.

 

Da ist Anna, die Tochter des Hauses, schon ein anderes Kaliber 8und verbelibt dennoch seltsam blutleer im Roman). Die „Reinheit der Rasse“, die „Zucht edler Menschen“, das ist ohne innere Widersprüche ihr Steckenpferd.

 

Und beide werden ihren Weg gehen, werden in den Tagen und Wirren des Krieges Formen der „Erfüllung“ und der persönliche Macht finden.

 

Anna mit ihrem Siegfried (einen direkteren Namen „mit Bezug“ hätte Leithold gar nicht wählen können) als Leiterin eines „Lebensborns“ und ständig nach jungen Frauen forschen, die als „Gebärmaschinen“ das „Volk auf lange Sicht“ reinigen.

 

Otto mit seinem Kunstsachverstand, der als Gruppenführer in direkte Nähe Görings gerät, diesen (später durchaus nicht ironisch gemeint) als „kleinen dicken Gott“ benennt und der auch dafür sorgt, dass für ihn selbst an geheimem Ort genügend Schätze abfallen für ein sorgenfreies Leben.

 

Bis er eines Tages den verehrten Lehrer Finkel in Paris wiedertrifft und sich innerlich entscheiden werden muss, ob er auch charakterlich, seinem eigenen Vater immer ähnlicher werden will – Mit Folgen späterhin für seine eigene Familie, seinen eigenen Sohn.

Einer, der sein Leben mit fast unglaubliche Fälschungen in diesen Zeiten verquickt und sich mehr und mehr darin verlieren wird.

 

Begleitet wird dieser Aufstieg, der über die Kriegszeiten hinaus weit in das „neue Deutschland“ reichen wird, von „Lilli Marleen“. Jenem Lied der engen Freundin der „Dame des Hauses Kypscholl, dem der Patriarch keine Chance auf Gehör gibt, dass aber seinen Weg durch die Zeiten steig „nach oben“ hin machen wird. Bis zur Konfrontation der Lebensstile, der Lebenshaltungen, der Ideologien und der persönlichen Schuld, die Ende der 60er Jahre in der Zeit der Studentenunruhen auch im Hause Kypscholl eskalieren wird.

 

In der Form ist dem Buch nicht einfach zu folgen. Perspektivwechsel, eine längere Zeit unentschiedene, dem Leser nicht wirklich klar werdende innere Haltung Ottos und in Teilen auch eine gewisse Belanglosigkeit der Ereignisse (gerade im Anna herum), die sich sprachlich wenig abheben von den wichtigen Momenten (wenn Freunde sterben….) führen zu einem hier und da zu wenig dynamischem Leseerlebnis.

 

Wobei die Darstellungen der Zeit, der handelnden Personen wie Heidrich und Göring, die verdrehte Ideologie in manchen Köpfen und der „heilige Ernst“ am „deutschen Volk“, die Lust am Fälschen und die Lust an der Kunst, der „Beute- und Raubkunst“ sehr intensiv gelungen nach der Lektüre verbleiben. Ebenso, wie der „gleitende Übergang“ in die Zeit nach dem Krieg, in dem es nicht nur den Kypscholls im Buch scheint´s wunderbar gelungen ist, ihre Pfründe über die Zeit hinweg zu bewahren.

 

 

Alles in allem ein eher breites denn tiefes Buch, dass dem Leser noch einmal historisch und „von Innen“ her die Zeiten und Zeitenwenden und die (spätere) Kraft zum Ausbrechen aus destruktiven Strukturen vor Augen führt, das aber nicht in allen Teilen gleichermaßen zu überzeugen versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2014