S.Fischer 2011
S.Fischer 2011

Nuran David Calis – Der Mond ist unsere Sonne

 

Literarischer Rap

 

Das Vorurteil, das Türsteher sämtliche Lebensenergie zum einen in den Oberarmen einlagern und zum anderen sich stets auf halbseidenen Fäden durchs Leben bewegen, widerlegt Calis in diesem Buch eindruckvoll. Aber schon sein Werdegang ist sicherlich nicht sonderlich typisch in der Verbindung seiner Tätigkeit zu Zeiten als Türsteher und seines Studiums der Regie samt beruflicher Erfahrungen dann im Regiefach.

 

Beides aber fließt im Buch in bester Weise zusammen. Die harte, wie rappende Sprache. Direkt, klar. Die Szenen wie mit schnellen Schnitten aneinandergereiht und dennoch mit einem roten Faden verbunden. Autobiographische Züge tun ihr Übriges, um die Geschichte nah an der Realität stattfinden zu lassen. Diese Welt des Nachts, die kennt Calis gut.

 

Wie Calis selbst ist seine Hauptfigur, Alen, Türsteher in Bielefeld mit armenischen Wurzeln. Anders als Calis aber hat Alen nichts, was ihn in die Zukunft tragen könnte, lebt nur den Tag, das Umfeld, seine Freundin. Bis dieses Leben vor die Wand fährt und alles ins Wanken gerät.

 

Innere Rettung und eine ganz andere Perspektive bietet Alen dann erst die Geschichte seines Onkels über einen Schatz, der in der alten Heimat vergraben liegt. Ein Schatz, der eng verbunden ist mit der Geschichte der Familie väterlicherseits. Wurzeln auch des eigenen Lebens, die sich hier andeuten.

 

Alen macht sich auf den Weg. Nicht nur zu einem vermeintlichen „Gewinn“ hin, sondern auch weg aus den alten Bezügen, hin zu den Orten der heimatlichen Wurzeln, hin auch zu sich selbst. Eine „innere Entdeckungsreise“, auch das ist es, was Calis intensiv und teils fast schmerzlich direkt zu erzählen versteht, eingebunden in die äußere, harte Schale Alens und die zumeist kompromisslose Umgangsweise untereinander in seinen Kreisen.

 

Tief sitzt sie, eine gewisse Unversöhnlichkeit, in den Figuren. Eine „in sich eingeschlossen Sein“, dass es fast unmöglich macht, wirklich miteinander in innere Beziehungen zu treten. Und tief reichen die Folgen dieser ungewollten und unkontrollierbaren Abschottung.

 

„Entweder ziehst Du Dich hier raus, oder Du versinkst bedeutungslos im Sumpf der Geschichte..... Aber Nein, Du hältst inne und holst aus und fängst an zu schlagen“. So sieht sie aus, die fast immer letzte Konsequenz des Handelns in Alens Welt. Einer Welt, in der für ihn eines feststeht: „Ich werde nicht ohne Grabstein in der (fremden) Erde liegen“. Nicht, ohne Bedeutung gehabt zu haben. Irgendwo und irgendwie.

 

So lässt Nuran David Calis den Leser fast wie ein Türsteher mit hinein in die Welt seines „Clubs“, dessen Türen er in diesem Buch weit öffnet. Eine Welt „von unten“, mit Kraft und Dynamik, oft aber ungerichteter Kräfte, die ihren wirklichen Weg nur schwer finden und sich all zu oft selber im Wege stehen. Kräfte, die dennoch von der Hoffnung getragen sind, anzukommen.

 

Temporeich, schnell, hart, rau im Ton und doch erkennbar nicht ohne Emotion legt Nuran David Calis ein authentisches und rasant zu lesendes Buch vor, in dem die Handschrift des Regisseurs und die Erfahrungen mit Hip-Hop Musikclips deutlich erkennbar ist in einer Migrations-Welt, die zwischen Abend und Tag stattfindet.

 

M.Lehmann-Pape 2011