Suhrkamp 2013
Suhrkamp 2013

Nuruddin Farah – Gekapert

 

Bürgerkrieg, Piraten und Not

 

„zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt ist Jeebleh wieder in Mogadischu..... Beunruhigt mustert Malik ein Halbdutzend bärtiger Männer in weißen Gewändern und mit Peitschen in der Hand“.

 

Und das ist erst der erste Eindruck, den Schweigervater und Schwiegersohn direkt nach der Landung in Mogadischu erhalten. Im Kopf noch die Ereignisse und die Stimmung von vor einem Jahrzehnt, Bürgerkriegs- und Warlordzeit, weicht die bedrohliche Atmosphäre, die unnatürliche Ruhe, die tief gedrückte, angstvolle Stimmung in Mogadishu und im Land den beiden Reisenden nicht von der Seite.

 

Und nicht nur die beiden sind aus einer Gemengelage von Gründen aus Amerika, ihrer neuen Heimat, wieder nach Somalia gereist. Auch der Bruder des Schwiegersohns Malik, Ahl, betritt an anderer Stelle das Land. Sein Stiefsohn ist in den Wirren verschwunden, die Spur führt zu den gefährlichen Gruppen der Piraten, die im Puntland einen ihrer zentralen Orte gesichert haben.

 

Alles in allem eine gefährliche Lage von allen Seiten, die Farah ganz hervorragend in seiner lebendigen und dichten Sprache fühlbar in den Raum setzt. Radikale islamische Kräfte, welche die Herrschaft mehr und mehr übernehmen, dabei selbst unter ausländischen Druck geraten, brutale Kriminelle, die als Piraten über Leichen gehen und mitten drin eine Bevölkerung in Angststarre. Ein Land, ein Klima, dass Fremden gegenüber hoch misstrauisch ist, wo ein Funke, eine falsche Bemerkung genügt, umgehend mit Gewalt beantwortet zu werden. Was jeder der Besucher am eigenen Leib erleben wird und mit eigenen Augen zu sehen bekommt.

 

Eine Entwicklung über Jahre und Jahrzehnte hinweg, so vertieft es Farah, die „im Volk“ steckt, die aus der Tradition, der Prägung des Landes immer wieder sich heraus gebildet hat und sich in Gewalt, aber auch absolutem Elend und tiefer Verzweiflung Bahn bricht. Eine Beklemmung und Ausweglosigkeit, die Farah nie aus den Augen lässt, ebenso, wie er die Konflikte der Region mit einarbeitet.

 

„Alle großen Nachrichtenagenturen zitieren den äthiopischen Regierungssprecher, der in einer kurzen Erklärung die Bombardierung der beiden Flughäfen in Mogadischu rechtfertigt. Als Antwort auf die Übergriff der „Union“ ..... so dass kein unbefugtes Flugzug landen kann“. Und die Reaktion der „Union“, umgehe in Äthiopien einzumarschieren (fraglich, ob dafür die Mittel überhaupt ausreichen würden), natürlich „mit Gottes Hilfe“. Aufgeladen ist die Atmosphäre, einerseits, resigniert andererseits. Ein Freitagsgebet zeigt auf, dass die Menschen kaum mehr auf die Gewalt um sie herum reagieren, selbst die üblichen Verdammungspredigten gegen alle möglichen Feinde lassen nach.

 

Jeden kann es jederzeit treffen, Irgendetwas, diese latente Bedrohung lässt Farah als roten Faden durch seine Geschichte laufen und reiht an diesem Faden Kriminalität, Stammestraditionen und Stammeskonflikte, religiöse Auseinandersetzungen und Krieg mit dem Nachbarland ebenso auf, wie die Resignation der Somalier und den ständigen Drang nach einem Überleben in zerstörter, trostloser Umgebung.

 

Im Stil fast wie eine Dokumentation vertieft Farah seine Darstellungen und Einsichten in den „Ist-Zustand“ durch die einzelnen Geschichten um seine Personen herum (allerdings nicht selten sehr, sehr ausufernd) und bietet so dem Leser auch einen emotionalen Einblick, ein Mitgehen in das gebeutelte Land.

 

Resignation, Radikalisierung und international organisierte Kriminalität ergeben eine explosive und undurchschaubare Melange, die Farah Stück für Stück ans Licht rückt.

 

Ein beeindruckender afrikanischer Roman, der teilweise spannend, teilweise sehr kleinteilig zu lesen ist und der sehr differenziert und genau in die Verhältnisse Somalias „von Innen her“ eindringt.

 

M.Lehmann-Pape 2013