Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Olivier Adam – Die Summe aller Möglichkeiten

 

Tiefes Ausleuchten der Figuren und Beziehungen

 

Wie in „an den Rändern der Welt“ kommt auch in neuen Roman von Olivier Adam der „Gestrandete“, der, der „alleine steht“, von Frau (und Kind) verlassene Mann nicht zu kurz.

 

In der Person Antoine´s. Eine lokale, leider aber nur provinzielle Fußballgröße, der zu sehr an seinem Temperament scheitert. Und dafür ordentlich vom Leben zurückbekommt. Austeilen und einstecken bestimmt dieses Leben.

 

Einen Gegner auf dem Feld verprügelt, die Arbeit verloren, weil der Joint für ihn dazu zu gehören hat, die Lebensgefährtin ausgezogen (zu einem anderen), weil Antoine einfach nur das Bild eines stetig „herunterrutschenden Mannes“ zeigen kann. Das Kind mit ausgezogen und dann noch grün und blau geschlagen.

 

Warum und womit das zusammenhängt und was das damit zu tun hat, dass, wie in einem Kriminalroman, einige Menschen einfach so „verschwinden“ und die Frage nach den Motiven dieser verschiedenen „Verschwindenden“ sich als ein roter Faden durch das Buch zieht.

Ein roter Erzählfaden, den Adam nicht immer im Vordergrund hält. Vielmehr nutzt er die äußeren Ereignisse vor allem, um „die Summe aller Möglichkeiten“ von verglühenden, gestrandeten Leben, von jenem Leben „da unten“ (mit verschiedenen Hintergründen) Seite für Seite mit großer Ruhe und Tiefe darzustellen.

 

Was Adam dabei für eine Bildkraft entwickelt und wie nahe er seinen vielen Figuren (und damit auch dem Leser kommt), das zeigt sich zu Beginn gar nicht so sehr bei Antoine oder Marion, seiner ehemaligen Lebensgefährtin (auch diese werden von Adam sorgfältig eingeführt und durch ihr Handeln in ihren Emotionen erkennbar), sondern vor allem im Kapitel über Paul und Helene. Ein alterndes Ehepaar am Rande des “Endes aller Möglichkeiten“.

 

Intensiv kehrt Adam hier das Innere nach außen, kann schon einmal über anderthalb Seiten auf einen Punkt verzichten und damit fast atemlos beschreibende Relativsätze in hohem Tempo aneinanderreihen und eindringlich jene Melancholie und Traurigkeit damit setzen, die ein „leeres Haus“ hinterlässt, wenn die Kinder ausgezogen sind, „die Kleine“ auch schon 40 wurde und nur zu Feiertagen noch „echtes Lebens“ ins Haus zurückkehrt.

 

Unprätentiös und dennoch tieftraurig, diese „Nabelschau“ vor allem Pauls, der den Tod seiner Helene kommen sieht, greifbar schon im Raum spürt.

 

„“Die körperliche, fast animalische Vertrautheit einer Meute, eines Einzellers, von dem nur Spuren übrigbleiben, ein hartnäckiges Gefühl des Vermissens, das man kaschieren muss, eine Sehnsucht“.

 

Bei allem, was das dann zweisame Leben noch an Genuss zu bieten hatte, dennoch, wie Paul erkennt, dass er sein „Alter“ oft und oft übertrieben vorgeschoben hat, um sich dem Leben zu entziehen und nun jede verlorene Sekunde bereut, das ergreift den Leser.

 

Wie es Adam durchgehend gelingt, seine Personen in der Tief zu beschreiben und seelisch zu sezieren. Und damit auch ein gutes stückweit die moderne Welt seziert und abbildet, die schnell und hektisch ihren Gang geht, das Verbindende dabei aber leicht auf der Strecke bleiben kann und mehr und mehr auf der Strecke auch bleibt.

 

Und natürlich gab es Wendepunkte, Kreuzungen in all diesen Leben, die Adam aus den verschiedenen Perspektiven heraus je kapitelweise erzählt. Momente, Situationen, in denen falsche Entscheidungen getroffen wurden und auch kleine Momente große Auswirkungen haben konnten.

 

So entsteht eine durchgängig melancholische Atmosphäre, die sich hier und da zu breit über die Figuren legt und die Lichtblicke, Momente des „wieder Tritt Fassens“ und später auch der möglichen guten Verbindungen überlagert. Ebenso braucht es für den ein oder anderen Leser wohl auch Pausen bei der Lektüre. Denn aufgrund der ruhigen, langsamen Erzählweise und der eher schleppend vonstattengehenden Entwicklung der äußeren Ereignisse muss die Vielzahl der Informationen über die Personen und Beziehungen hier und da auch einfach erst einmal sinken, um bei diesen vielen auftretenden Personen nicht auch den Überblick zu verlieren.

 

Insgesamt ein beeindruckender Roman über das langsame „Aussieben“ von Menschen in der modernen, auf Effizienz getrimmten Welt, in dem die Kräfte weniger und weniger werden, um den eigenen Kopf dauerhaft über Wasser zu halten.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017