Fischer 2010
Fischer 2010

Oscar Hijuelos - Runaway

 

Nur weg!

 

Tausend Meilen entfernt von zu Hause, auf einer Farm im Niemandsland, beginnt der 15jährige Rico, seine Geschichte zu erzählen. Gerade hat er zum vierten Mal das Plumpsklo der Farm seines Freundes Gilberto gründlich gesäubert, der ihm auf der Farm Unterschlupf gewährt. Rico hat definitiv die Nase voll von diesem „beschissenen Leben“ im Blick auf Plumpsklos und flachem Country Gedudel. Aber wie kommt er, New Yorker, überhaupt auf diese Farm?

 

Rico ist Sohn kubanischer Eltern, welche dem Kuba der 50er Jahre entflohen sind und in Harlem landeten. Nichts als ein Fremdkörper ist Rico im gewaltgefüllten Harlem jener Tage, nur Gilberto und Jimmy nennt er Freunde. Alles andere an Harlem stößt ihn ab und ist gegen ihn, heller als die Schwarzen, dunkler als die Weißen. Eine Zumutung für Rico, das alltägliche Leben.

 

Eine Zumutung auch seine Eltern. Mehr und mehr zieht sich Rico zurück, sieht die Schule kaum noch von innen. Auch zu Hause wird die Atmosphäre unerträglich, mit seinem Lebenswandel sind seine Eltern absolut nicht einverstanden.

 

Zwei voneinander unabhängige Wendungen führen zu seinem Entschluss, Harlem und New York fluchtartig zu verlassen. Zum einen beschließen seine Eltern angesichts der steigenden Spannungen mit ihrem Sohn, diesen auf eine Militärakademie zu schicken. Kurz zuvor hatte Gilberto im Lotto 100.000 Dollar gewonnen und sich auf den Weg auf ein College nach Wisconsin gemacht.

 

Rico, der Mark Twain liebt, macht sich, wie Huckleberry Finn,  bei Nacht und Nebel mit seinem letzten verbliebenen Freund Jimmy auf nach Wisconsin. Weg von all dem Stress und hin zu einem, in seinen Augen, besserem Leben.

 

Man merkt dem Buch an, dass  Oscar Hijuelos, Pulitzer Preisträger, das Handwerk des Schreibens versteht. Obwohl er bisher nur für Erwachsene geschrieben hat, gelingt es ihm spielerisch, den Tonfall, die Sprache und das innere Erleben des 15jährigen Ricos lebendig vor Augen zu führen.

 

Ebenso ist Seite für Seite erkennbar, dass Hijuelos sicherlich einen guten Teil eigener Erfahrungen einfließen lassen kann, Ricos Geschichte könnte auch seine sein, zumindest die Startvoraussetzungen als Sohn kubanischer Einwanderer teilt er ebenso, wie auch er einen teil seiner Jugend in Harlem zugebracht hat.

 

Das Leben zur damaligen Zeit, gerade im Blick auf rassistische Vorurteile und Ressentiments ist ja noch längst nicht „alte Geschichte“. Auch wenn heute in Teilen von Harlem ein bürgerliches Leben sich verbreitet hat, die beschriebenen Zustände sind durchaus noch an manchen Ecken zu finden. Genauso, wie der Umgang der verschiedensten Volksgruppen untereinander nicht wirklich befriedet ist. Hijuelos beschreibt so auch in seinen „dunklen Ecken“ ein durchaus noch lebendiges Amerika 

 

Aber mehr als ein vergangenes und / oder gegenwärtiges Sittenbild ist Runaway ein pralle Entwicklungsgeschichte und greift zutreffend die Hoffnungen, Sehnsüchte, Bedrängungen und auch Trostlosigkeiten des jungen Rico auf. Auch dies ein Verdienst der hervorragenden sprachlichen Umsetzung, die immer genau den Ton trifft und nie in eine platt wirkende Form von künstlicher Jugendsprache verfällt.

Ein hervorragender „Jugend“ Roman auf den Spuren Mark Twains, der ein Zeitbild der 60er Jahre in Amerika genauso lebendig vor die Augen stellt, wie er auf die inneren Entwicklungen seiner Figuren treffend eingeht.

 

M.Lehmann-Pape 2010