Ullstein 2015
Ullstein 2015

Owen Matthews – Moskau Babylon

 

Viel Moskau, wenig Thriller

 

Sehr lebendig und bildkräftig, sehr ausführlich und in die Tiefe gehend, was die Atmosphäre, das sehr gespaltene Leben, die Alltagswirklichkeit einerseits und das unter Geldströmen fast versinkende Nachtleben an den angesagten Adressen Moskaus angeht, so erzählt Matthews vom Ergehen seines Protagonisten Mitte der 90er Jahre in Moskau.

 

Als „Frischling“ kommt der junge Brite in die Stadt, heuert bei einem britischen Public-Relation „Start-up“ an und, wie direkt zu beginnt bereits ausführlich dargelegt, wird als Schatten seiner selbst, als massiv „durchgeschleifter“ Mann eine ganze Weile später sich (immer noch in Moskau) wiederfinden.

 

Von den Pelzmänteln der hübschen jungen Frauen hin zu den schlecht sitzenden Polyesteruniformen des Militär soder dem schwindsüchtig wirkenden, ebenso schlecht angezogenen Polizeikommissar (der dennoch nicht zu unterschätzen sein wird).

 

Von der Enklave der Ausländer zu jener Zeit in Moskau in ihren Diners über die verloren wirkenden, kaputten Gestalten, die ab der Dämmerung das Bahnhofsgelände bevölkern.

 

Und neben diesen die schönen „Bilder“ an jungen Mädchen, meist vom Land, welche die Seite der „Haifische“, der kriminellen und harten, halbseidenen Geschäftsleute schmücken  sollen.

Mädchen, die ein paar Stunden später in versifften Kellerlöchern sich Amphetamine spritzen und innerhalb weniger Wochen auch äußerlich wie Junkies daherkommen.

 

Mit zudem ebenso profunden Einblicken in das „Leben der einfachen Leute“. Gemüseverkäufer, Datschen-Vermieter, saufende Männer, geschlagene Frauen, die privat „herumgereicht“ werden, die dennoch alles für die Gastfreundschaft auffahren, was nur möglich ist.

 

„Das war mehr als Großzügigkeit, das war soziales Harakiri…. Hier, nimm alles, was wir haben, auch wenn es uns umbringt, es dir zu geben“.

 

Und mitten drin Roman, der das Glück oder Pech hat, wie man es nimmt, einen der „Haifische“, Dmitri Malachow, durch Zufall näher kennenlernt. Und von diesem mehr und mehr in diesen dunklen Teil Moskaus mit einbezogen wird. Was am Ende dramatische Folgen haben wird.

 

Ganz wie nebenbei erzählt Matthews noch vom „Machen der Oligarchen“ und wie es zu dieser immensen Konzentration von Firmen in den Händen weniger kam (und welche Folgen das hatte), nimmt den Leser regelmäßig mit auf eine Datsche am Wochenende und lässt Fluten von Alkohol, Drogen und körperlichen „Auslebens“ durch die Seiten dieses Buches ihre Wege suchen und finden.

 

Sprachlich sehr differenziert, sehr flüssig im Tempo entwirft Matthews die Blaupause des alten Babylon an der Realität Moskaus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und verweist immer wieder mit kleinen Hinweisen im Hintergrund auf die Sehnsucht des Völkes nach klarer Führung, nach einem verlässlichen Rahmen, so bedrängend dieser auch wäre.

 

„Ja, sie sind korrupt, aber auch fähig. Es sind „professionelle“ Diebe (statt der Amateure in den Erlebnissen Romans). Sie verstehen zu herrschen“.

 

Denn nichts ist schlimmer für die meisten der Bewohner der Stadt, als die Quasi-Anarchie, die zu jener Zeit in Moskau herrschte.

 

Eine intensive, gut geschriebene und umfassende Milieustudie einer „Stadt in der Moderne“, deren Zustände und teilweise Verkommenheit man kaum für möglich gehalten hätte. Mit der ein oder anderen Länge versehen, wo Matthews doch zu ausführlich und zu breit von der ein oder anderen Einzelheit des „Lebens in Moskau“ erzählt.

 

Die Hinweise auf einen Thriller auf dem Bucheinband allerdings führen doch stark in die Irre, denn der Anteil an Thriller-Elementen beschränkt sich stark auf das langgezogene Finale des Buches und bildet kein wirklich tragendes Element dieses Romans.


M.Lehmann-Pape 2015