Klaus Wagenbach Verlag 2011
Klaus Wagenbach Verlag 2011

Paolo Gallo, Dalia Oggero (Hg.) – A Casa Nostra

 

Italienische Impressionen

 

In Italien tut sich was, literarisch. Nicht nur im Bereich hochwertiger Kriminalromane durch einen Bruno Morchio, nicht nur, weil Teresa De Sio ein funkensprühendes Debüt vorgelegt hat. Eine ganze Riege junger, italienischer Schriftsteller macht sich zur Zeit auf den Weg, mit einem genauen Blick auf die Gegenwart des Lebens in Italien.

 

Der vorliegende Sammelband stellt 18 der jungen Autoren vor und zeigt auf, in welcher literarischen, aber auch thematischen Breite die neue italienische Literatur ihren gegenwärtigen Wege sucht.

 

Von der Schlange im Garten, die ständiges Erbrechen hervorruft, vom Misthaufen, der vor eine reiche Tür abgeladen wird, von Leo, für den es keinen wirklichen Schutzraum gibt, auch wenn er das fest glaubt und den die Folgen seiner Taten im Rahmen seiner fast erstarrten Familie einholen, vielfache Themen, Themen des Alltages, Themen, die zeigen, dass es so nicht bleibt, bleiben kann, wie es ist. Geschichten wie Nahaufnahmen, fast durchgängig intim auf wenige Personen hin ausgelegt, deren Zorn im Alltag, deren Antrieb zur Veränderung sich rührt.

 

So wie Gabriella Pedullá fast atemlos ihre Sätze aneinanderreiht im Wartezimmer der Klinik ihre Protagonistin d um Sara bangen lässt, die Geliebte, die sie betrogen hat. Daneben aber treffsichere Eindrücke der Neon erleuchteten Menschen um sie herum sammelt, während sie selber kaum mehr die brennenden Augen aufzuhalten vermag. Unglück, Hoffen und Bangen, die kalte Atmosphäre im Klinikwarteraum, daneben aber die Wärme der ergeben einen treffendes Bild der vielfältigen Atmosphären und die emotionale Verwirrung der jungen Italienerin im Wartezimmer. Pedullá gelingt es so leicht, die Aufmerksamkeit des Lesers aufrecht zu erhalten in der Frage, was den nun genau passiert ist ob der vielen Andeutungen.

 

Oder Paolo Cognetti, der in viel ruhigeren Sätzen detailliert das Verhalten von Paaren im Blick hat, vor allem das seiner Eltern auf einer Urlaubsreise zum Camping. Der genau beschreibt, wie der Blick seiner Mutter auf seinen Vater sich richtet.

So vieles hatte sie einmal an ihrem Mann gemocht, jetzt aber nicht mehr. Die Zeiten, wo Beziehungen für immer zementiert werden, sind auch in Italien vorbei.

Langsam und gründlich, fast schmerzlich seziert Cognetti die innere Distanz. Der doch, zumindest vorübergehend, Einhalt geboten wird durch Naturkräfte, aber ein Entrinnen vor den Problemen selbst gibt es nicht.

 

In ganz anderer, auch anderer äußerer Form, wendet sich Ascanio Celestini in sperriger und doch bildkräftiger Poesie Themen ganz konkreter, gegenwärtiger Angst angesichts der Zukunft der Gewalt , der Armut zu.

 

Ganz verschiedene Themen sind es, auch durchaus verschiedene Ausdrucksformen. Gemeinsam ist allen 18 Geschichten und Texten das Kreisen und Wahrnehmen der aktuellen Lage. Sei es im Privaten des Lebens, sei es im öffentlichen Raum, in Freundschaften, in Beziehungen. Ein gewisser gefährdeter, wenn nicht gar pessimistischer, in Teilen auch trotziger und wütender Unterton ist in den Geschichten ebenso zu finden, wie das Schreiben über und für die aktuelle Gegenwart.

 

Nicht alle der Geschichten und Texte siedeln auf gleich hohem Niveau, aber da bleibt vieles sicherlich auch dem persönlichen Geschmack überlassen. Das Buch im Gesamten aber bietet einen breiten und aussagekräftigen Einblick in das Schaffen der jungen Autoren Italiens und öffnet somit Tür und Fenster, um von außen „in deren Haus“ einen offenen blick werfen zu können. Zudem auch in einer Vielzahl der Geschichten eine schöne und empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2011