Knaus 2013
Knaus 2013

Parinoush Saniee – Was mir zusteht

 

Zwischen der festen Klammer der Tradition und dem Wunsch nach eigenem Leben

 

„Mit der letzten Bemerkung brachte ich sie alle zum Schweigen. Ich glaube aber, dass mein Vater sowieso nichts dagegen hatte, denn ich hörte ihn mehrfach voller Bewunderung sagen, dass seine Tochter jetzt auf ihren eigenen Beinen stehe und von niemandem abhängig sei“.

 

Als das im Raume steht, sind schon einige Auseinandersetzungen im Leben Masumehs, der Hauptperson dieses dichten Romans, durchlitten und durchkämpft worden. Beileibe aber ist dieser „Zwischenstatus“ des Kampfes der jungen Frau um ihre persönliche Freiheit in der engen Rahmung der iranischen Gesellschaft nicht als „Happy End“ zu verstehen. Gerade einmal gut die Hälfte der Geschichte ist gelesen, als Masumeh diese Sätze sagt. Masumeh wird, egal, wie sie es dreht und wendet, ihren Preis zu zahlen haben, das ist dem Leser an dieser Stelle des Romans und bis zum Ende schon klar. Denn auch ihrem Vater wird es nicht gelingen, das Denken in klaren, harten und eingefahrenen Bahnen selbst in der eigenen Familie aufzubrechen.

 

Nicht nur die ganz aktuellen Haltungen im Iran stehen dabei im Mittelpunkt dieser ein halbes Jahrhundert umfassenden Lebensgeschichte, sondern das Augenmerk der Autorin liegt eher grundlegend auf der Darstellung des Lebens in den festen, tradierten Formen der iranischen Gesellschaft. Formen, die auch schon zu Zeiten des Schah den Alltag massiv mitbestimmen und zu jeder Zeit ein hohes Maß an Zivilcourage und Mut zum Risiko erforderten, tatsächlich ganz eigene Wege zu suchen und zu wagen. Ohne eine Gewähr zum Erfolg, natürlich.

 

„Oft hatte ich mich selbst gefragt, ob es wirklich so war, ob ich tatsächlich so etwas wie ein eigenes, unabhängiges Schicksal gehabt hatte, oder ob andere Menschen den Verlauf meines Lebens bestimmt hatten – vor allem die Männer“.

 

Ein Verlauf des Lebens, der sich einerseits äußerlich beugt, die Zwangsheirat damals annimmt, sich einfügt und dennoch innerlich das Eigene nicht aus den Augen verliert, in Widerstand zum Regime tritt, einen hohen Preis zahlt, nur um dann festzustellen, wie tief diese jahrhundertealten Traditionen jede Generation, auch die der eigenen Kinder, in der ein oder anderen Form mitprägen wird. Ein Leben, das über lange Zeit seine Chancen suchte, Bildung erfuhr (was für eine Frau im Iran zur Schah-Zeit in keiner Weise selbstverständlich war), aber als Frau eines später hingerichteten Dissidenten immer bedroht abläuft.

 

Und die Hoffnung auf neue Freiheiten, darauf, das nun alles anders wird, als das unterdrückende Regime abgelöst wird?

 

Auch diese erfüllt sich nicht. Unter neuem Namen mit alten Mitteln, so erlebt Mesumeh den „Aufbruch in die Moderne“ 1978, der doch nur ein Beharren auf alten Regeln und Traditionen mit sich bringt, in gewissen Hinsichten diese gar noch verhärtet und verschlimmert.

 

Nicht nur, vor allem aber den Frauen nimmt das Leben im Iran so ziemlich jede Möglichkeit der freien Entfaltung. Offener Widerstand dagegen ist lebensgefährlich, eins ich fügen innerlich abtötend, ein Versuch, wenige und kleine Möglichkeiten zu nutzen immer wieder von Frustration begleitet. Was, nicht ganz so offenkundig, aber durchaus auch spürbar, jede freiheitliche Denkrichtung betrifft, auch bei Männern (die dann auf ihre Weise „Gruppendruck“ erleben werden).

 

Ein Buch, das ungeschminkt zeigt, wie es ist. Das Leben in engen, unterdrückenden Gesellschaften. Das zum Nachdenken anhält und in seiner fast sachlich-kühlen sprachlichen Form der Darstellung den Blick auf das Ergehen der Protagonisten konzentriert beibehält. Und zu guter Letzt Mut macht, weiter den eigenen Weg zu suchen und zu versuchen.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2013