Goldmann 2014
Goldmann 2014

Patrick Ness – Die Nacht des Kranichs

 

(Teils zu) Märchenhaft

 

Es beginnt bereits wie in einem Märchen. Und wie es sich für ein Märchen gehört, endet es in gewisser Weise auch. Nur, dass nach all dem Erleben eines nicht sein kann. Nämlich, dass „sie glücklich lebten bis an Ihr Lebensende“.

 

Eine Geschichte auf mehreren Ebenen, die Patrick Ness in sehr ruhiger, hier und da sehr verspielter, oft sehr poetischer Sprache erzählt.

 

„Es war ein unirdischer Laut…… - ein trauerschweres Klirren frosterstarrter Mitternacht, die zur Erde stürzt, um ein Herz zu durchbohren“.

 

Ein bildkräftiger, erster Satz, dessen wesentliche Bedeutung für das Buch und die Beteiligten dem Leser zum Ende hin mehr und mehr vor Augen geführt werden wird.

Denn es geht um Herzen.

 

Um Wesen, die Vergebung suchen (der Kranich und Kumito), um Herzen, die eher noch unbeholfen lieben und die „dunkle Seite“ der Liebe noch integrieren müssen (George), und jene, die lieben wollen (Amanda, Georges Tochter) und um das, was all dem im Leben immer wieder entgegensteht und was man selbst sich schwer macht.

 

Als George nachts einen Kranich von einem Pfeil im Flügel befreit (Traum oder Realität?), wandelt sich sein Leben und das so mancher im Umfeld.

 

Allerdings, ein wenig geändert hatte sich das schon, denn vor einiger Zeit hatte George begonnen, aus alten Taschenbüchern mit einem Messer (eher noch grob) Figuren herauszuschneiden. Und als nach dieser Nacht mit dem großen Vogel am nächsten Tag in seinem Laden eine attraktive Frau steht, die seltsamerweise filigrane „Federfiguren“ zu ihrer Kunst erklärt hat und, ebenso seltsamerweise, die Zusammenstellung von ihren Figuren je mit einer von George wunderbare und beeindruckende Kunstwerke ergeben (die bald hohes Interesse hervorrufen), da wird klar: hier findet zusammen, was zusammengehört.

 

Wenn das so einfach wäre. Denn Kumito ist rätselhaft, verbindet sich zwar mit George, doch in ihr Leben findet er keinen wirklichen Eintritt. So bleiben die gemeinsamen Bilder, eines wie das andere Ausdruck existenzieller menschlicher „Herz-Sehnsuchten“ und Ausdruck von Ergänzungen, aber auch Distanzen.

 

Während George in einen wahren Taumel der Liebe und der Kunst gerät, versucht seine ganz anders geartete Tochter die Nase über Wasser zu halten. Amanda ist (nicht nur im äußeren Erscheinen), sondern auch im Innern wie ein schroffer Fels. Immer das falsche Wort zur falschen Zeit, immer ein  nicht passender Witz auf den Lippen, oder, wie ihr Ex-Mann es sagt: Man bekommt Angst vor dem „Vulkan“ in Amanda, der in immer nahe daran ist, sich in gewaltigem Zorn und gefährlicher Wut zu entladen. Eine Frau, die „Impulskontrolle“ zu hätte für ihr eigenes Glück.

 

„Vergebung“ ist, was allen ein stückweit noch fehlt, bei Kumiko gar eine Form fast zeitlosem Streben nach Vergebung, denn ein altes Märchen bereits trägt ihre Geschichte in sich. Was George erst sehr langsam erfassen wird.

 

So bildet der Roman „moderne“ Suchen nach sich selbst ganz handfest ab (was auch auf George Angestellten zutrifft), führt den Leser in alte Märchenwelten des zornigen Vulkans, des Drachens, des Kranichs, der sich gibt um das zornige Herz im Zaum zu halten und in neue Märchenwelten des Friedens mit sich selbst, der für alle Beteiligten bereit liegen könnte.

 

Nur dass die zornige Leidenschaft so schnell nicht aufgeben wird und die beginnenden, liebevollen Veränderungen nicht gerne sieht.

 

Sprachlich wunderbar umgesetzt, mit melancholischem Grundton und dramatischem Ende, gelingt es Ness vor allem, den Leser emotional zu treffen und bei diesem eigene Bilder von Sehnsucht, Zorn, Liebe und Suche nach Gemeinschaft auszulösen.

 

Wobei hier und da der rote Faden verloren geht, manches zu verwirrend, zu doppeldeutig, zu märchenhaft daher kommt (gerade die Sequenzen der „alten Geschichte“ zwischen Kranich und Vulkan sind nicht einfach zu lesen und einzuordnen).

 

 

Ein Buch voller Geschichten, ein Buch, das aufzeigt, dass rote Linien der Entwicklung, das das, was „passieren muss“, auf allen Wegen passieren wird. Da aber nicht immer den Leser gleichermaßen zu fesseln versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2014