Hoffmann und Campe 2016
Hoffmann und Campe 2016

Paul Theroux – Hotel Honululu

 

Über das Leben

 

Da sind diese Geräusche aus Zimmer 509, die genau im Zimmer darunter, 409, nicht zu überhören sind. Ein Paar in den Flitterwochen, das stöhnt, jault?

 

Zumindest der Ich-Erzähler dieses neuen Romans von Paul Theroux deutet diese Geräusche so. Mit weitreichenden Folgen. Denn da ist auch Sweetie, Tochter einer Einheimischen und eines besonderen Mannes. Von dem niemand weiß. Außer Buddy, der Besitzer des Hotels, der den aus seiner eigenen Welt geflohenen Schriftsteller einfach so zum Manager seines Hotels macht. Was die besten Tage weit hinter sich gelassen hat und dennoch in seinen 80 Zimmern immer noch Geschichten beherbergt. Von Winterdepressionen, von verstohlenen Gestalten, von protzigen Menschen und eben von Zimmer 509. Dauervermietet.

 

Die Geräusche animieren den neuen Manager, der außer der Lektüre von „Anna Karenina“ nichts von einem Schriftsteller mehr an sich hat, überaus. Und daraus entsteht ein ganz neues Leben. Könnte man sagen.

 

Wenn, ja wenn nicht in diesem „Paradies“ Hawai irgendwas fehlen würde. Was man nicht recht zu fassen bekommt. Außer, dass die Dinge meist anders sind, als man glaubt. Auch was die Geräusche aus Zimmer 509 angehen. Was sich erst herausstellen wird, als diese Geräusche eines Tages verstummen.

 

„Der Hafen, von dem ich ausgelaufen bin, war, so glaube ich, der meiner grundlegenden Einsamkeit im Leben – und es scheint fürwahr ebenfalls der Hafen zu sein, zu dem mein Leben mich letztendlich wieder hinführt“.

 

So zitiert der alte Leon Edel, mit dem der Neuankömmling auf der Insel sich anfreundet, sein „Lebensthema“, den Schriftsteller Henry James, den er erforscht, über den er eine Biographie geschrieben hat.

 

Und das ist es wohl, was bei all den verschiedenen Geschichten aus der Gegenwart und Vergangenheit des Hotels und seines neuen Managers diesem Roman den roten Faden verleiht.

 

Einerseits dem Ratschlag Henry James zu folgen „Leb, soviel du kannst“, zu meinen, das würde man doch gerade auf dieser Sonneninsel aus dem Vollen heraus tun und andererseits das Gefühl nicht abwehren zu können, nicht erwünscht zu sein, das irgendwas fehlt, ohne, dass das wirklich greifbar wäre, was genau denn da fehlen könnte. Bis zum Ende der Geschichte hin, wo es klarer wird, was diesem äußerlich gefüllten Leben fehlt.

 

Was diese „Leere“ ist, die mit „samtener Luft“ gefüllt ist.

 

In einer legeren, coolen, lockeren Sprache, die wie aus einem „Roman Noir“ entnommen wirkt, erzählt Theroux einerseits die „äußere“ Geschichte in den vielen Geschichten der vielen Protagonisten, die ihren Part im Buch finden, um bei literarischen „Einblicken“, die immer wieder eine innere Deutung der Gefühlslagen und des Lebens an sich angehen sanft, poetisch, bilderreich den Leser emotional fassen. So ergibt sich ein sehr lebendiger, vielfältiger Lesefluss, bei dem es lange Zeit nebensächlich erscheint, was das Ganze als Klammer zusammenhält und wohin all diese Puzzlestücke von Geschichten und Zitaten hinführen werden. Bis das Ende naht und die Dinge ein immer klareres Bild im Gesamtzusammenhang ergeben. Dass das Leben aus vielen Facetten besteht. Das eine Person eine innere Heimat benötigt (wie im Buch die wehmütigen Erinnerungen an London und New York aufbrechen ohne eben wirklich griffig zu werden, eher als Sehnsucht denn als konkretes Ziel) und solange suchen werden muss, bis es diese findet, und sei es in einem Sarg.

 

 

Direkt, klar, burschikos und doch auch verspielt, poetisch, tief, Theroux ist ein zupackender Erzähler, der den Leser nicht auslässt in diesen vielfältigen Betrachtungen und Annäherungen an das „echte“ Leben.

 

M.Lehmann-Pape 2016