C.Bertelesmann 2012
C.Bertelesmann 2012

Penelope Lively – Famlienalbum

 

Anders als andere Familien

 

Sechs Kinder werden es insgesamt werden in der Familien. Wobei nie ganz so klar werden wird, auf wessen Betreiben eigentlich ein Kind nach dem andern das Licht der Welt erblickt. Der Vater, Charles, wirkt zumindest so, als hätten ihm auch weniger Kinder gereicht, vielleicht sogar hätte er ein Leben lang sich selbst genügt. Wenn seine Frau, Alison, nicht vorhanden wäre.

 

Die Geschichte der Familie wird im Buch aus den verschiedensten Perspektiven in der Rückschau erzählt. Der Vater, Schriftsteller, zurückhaltend, zurückgezogen, einer, der viel Zeit für sich braucht und dessen Arbeitszimmer als Refugium gilt (Thomas Mann lässt grüßen). Die Mutter Alison, Dreh- und Angelpunkt, eine, die immer nur Mutter sein wollte und dies mit Inbrunst versieht. Mit dezenten organisatorischen Schwächen, die von ihr, wie so vieles andere, einfach zur Seite gewischt werden. Eine, das wird sich herausstellen, die schwer nur loslassen kann. Mit Folgen. Ingrid, das ehemalige Au-Pair Mädchen, seit 40 Jahren nun bereits ist sie Teil der Familie. Weit mehr, als der Leser zunächst ahnt.

 

Und die Kinder. Paul, der Älteste. Im Kampf mit seinem Vater. Der Liebling der Mutter. Einer, der nur schwer Bahn halten kann. Gina, die immer schon viel fragte und eine klare Struktur hatte. Sandra, von früh an mit Mode beschäftigt und irgendwie fremd und befremdet in dieser Familie, im Haus. Katie mit den staunenden Augen, Roger, der charakterfeste, kongenialer Bruder von Katie. Und Clare. Tänzerin. Eine Schönheit. Physisch so ganz anders als die anderen Familienmitglieder.

 

In Rückblicken der Familienangehörigen erzählt Lively nun im Buch nicht unbedingt chronologisch die Geschichte der Familie, sondern nutzt einzelne Erinnerungen (die zum gleichen Erlebnis übrigens höchst unterschiedlich von den Protagonisten wahrgenommen wurden) „Albumartig“, um das „Dahinter“ der Familie dem Leser zu fassen zu geben.

Es muss ja seinen Grund haben, dass keines der Kinder eigene Kinder bisher in die Welt gesetzt hat. Es muss seinen Grund haben, warum die erwachsenen Kinder nicht oft das Elternhaus besuchen. Es muss ein Grund haben, dass trotz aller „Bemutterung“ im Übermaß Alison, die Mutter, keinen wirklichen Draht zu ihren Kindern aufgebaut hat. Vieles wird nicht ausgesprochen, außer möglichst lauten Belanglosigkeiten werden bei Familienfeiern kaum echte Inhalte ausgetauscht.

 

In einfacher Sprache ohne „Hintertüren“ schildert Lively treffend das emotionale Erleben ihrer Protagonisten, ebenso, wie sie ihre Personen treffend und erkennbar charakterisiert. Eigene Erinnerungen, das eigene Verhältnis zur Herkunftsfamilie werden so durchaus breit beim Leser geweckt. Auf dieser emotionalen Ebene fesselt die Geschichte dann auch. Gerade in dem Ahnen der Bitterkeit, die alle Kinder in irgendeiner Form in sich tragen.

Weniger aber fesselt die Geschichte, was die eigentlichen Ereignisse angeht. Was als „großes Geheimnis“ mitschwingt ist doch recht lapidar. Was als mysteriöse „Kellerspiele“ angedeutet wird, löst sich ebenfalls in aller Harmlosigkeit auf. Zu harmlos, stellt man am Ende der Lektüre fest, um innerlich stets motiviert beim Fortgang der Ereignisse zu bleiben.

 

So verbleibt ein Familienportrait einer Familie, die trotz besten Willens der Mutter von Entfremdung gekennzeichnet ist. Eine Entfremdung, die nicht wirklich hilfreich angesprochen werden kann. Nicht ohne Grund verbleibt gerade die Person der Alison sehr vage im Buch.

 

Auch wenn die konkreten Erlebnisse wenig Spannung in sich tragen, „Famlienalbum“ ist durchaus ein Unterhaltungsroman mit stellenweise emotionalem Tiefgang und präziser Beschreibung der Verhältnisse und der Folgen in einer besonderen Familie, in der viele Mitglieder in der ein oder anderen Form mit den wesentlichen Dingen der Beziehungen (auch in ihrem späteren Leben mit anderen Menschen) einfach überfordert scheinen. Und Lively legt die Gründe für diese „Beziehungsstörungen“ hintergründig nachvollziehbar dar. In dieser Hinsicht ist der Roman durchaus lesenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2012