Fischer 2010
Fischer 2010

Peter Carey – Parrot und Olivier in Amerika

 

Bravourös, beredt, mit einer intensiven, assoziativen und bildhaften Sprache gestaltet Peter Carey sein neues, elftes, Buch. Das beginnende 19. Jahrhundert mit seinen fundamentalen gesellschaftlichen Umwälzungen bildet die Blaupause, auf der er die fantastische, humorvolle und rasant geschriebene Geschichte seiner beiden Protagonisten in den Raum setzt.

 

Revolution, Feindschaft zwischen Frankreich und England, die mit allen Tricks ausgefochten wurde und die jungen vereinigten Staaten, die erst seit einem Vierteljahrhundert ihren demokratischen Weg in die Weltgeschichte setzen sind die Handlungsorte, wobei der Schwerpunkt der Geschichte in Amerika spielen wird.

 

Olivier ist der Spross einer französischen Adelsfamilie, die zum überwiegenden Teil mit viel Glück in den Wirren der französischen Revolution die Köpfe auf dem Hals behalten konnte, auf dem Landgut in der Normandie die Dinge abwarten, durchaus aber bereit sind, jeden Versuch mit zu unternehmen, die Monarchie wieder zu unterstützten. Olivier, das leicht erregbare, anfällige Kinder immer mitten drin und mit dabei.

 

Zeitgleich wächst John „Parrot“ Larrit in England auf unter wesentlich ärmeren und gefährlicheren Umständen. Mit seinem Vater, einem Drucker, zieht der Halbwaise durch die Lande und verdingt sich als Druckerhelfer und Lehrling an den Orten, an denen sein Vater Arbeitet findet. Hochbegabt als Kopist und Zeichner ist Parrot, doch ein Weg als Künstler steht ihm ob seiner niederen Herkunft nicht offen. Zudem birgt vieles der Druckkunst seine Gefahren, vor allem der Druck gefälschter Banknoten und so gerät Parrot ohne sein eigenes Zutun in unhaltbare Situationen.

 

Beider Wege führen späterhin als erwachsene Männer im Buch zusammen, der Marquis de Tilbot spielt in beider Leben eine Rolle und führt die beiden Männer zu einer Unternehmung  zusammen. Olivier reist nach Amerika, vordergründig, um das Gefängniswesen des Landes zu studieren, hintergründig um ein Werk über den neuen Weg der Demokratie zu verfassen, Parrot begleitet ihn als Kammerdiener, eigetnlich aber als Aufpasser im Auftag der Eltern Oliviers. Als Diener eines Mannes, den er kaum erträgt, wie auch Olivier mit Parrot eher eine Art Hassliebe denn eine Freundschaft verbindet. Parrot, dem alles verweichlichte unerträglich ist und der den ständig hüstelnden Edelmann nur als „Marquis Migraine“ bezeichnet und der französische Adlige, dem das gewöhnliche, praktische und zupackende Wesen Parrots gründlich auf den Nerv geht. Nur Parrot aber hat die Vollmacht, in Amerika Geld von der Bank abzuheben und so muss sich Olivier wohl oder übel mit dem rothaarigen Engländer arrangieren. Ein Arrangement, welches im Lauf des Buches übrigens durchaus in eine Freundschaft hinüber gleiten wird, nicht zuletzt durch die Ideale und die Kraft der Gleichheit in diesem dynamischen, jungen Land.

 

Beste Zutaten an überzeugenden Charakteren liefert Carey für einen wunderbar unterhaltsamen Buddy Roman zweier ausgeprägter Persönlichkeiten auf einer gemeinsamen Mission in Amerika. Nachdem das Umfeld abgesteckt, die Personen und ihre Verbindungen vorgestellt und die Aufgabe in den Raum gestellt ist, gestaltet er nun einen intensiven, nicht immer historisch genauen, aber immer konkret ins Schwarze treffenden Blick auf die menschliche Natur und ihre Eigenheiten. Das alte Europa trifft auf das wilde neue Land, auf den großen Fluss der Lava der Demokratie, auf ein nicht still halten könnendes Lebensgefühl von Menschen, die, wenn nichts anders an Bewegung im Raum steht sofort einen Schaukelstuhl besteigen, schon allein nur um das Gefühl von Bewegung zu erhalten.

 

Dieser brodelnde Vulkan lässt nicht kalt, sondern reißt mir. Beide Protagonisten finden im Lauf des Buches nicht nur zueinander, sondern werden auch hineingezogen in dieses frische Experiment dynamischen statt erstarrten Lebens. So ist dies letztlich das eigentliche Thema dieser mitreißend geschriebenen Geschichte, wie das Leben sich Bahn bricht und in den Sog optimistischer Zukunftsbetrachtung unwiderstehlich hineinzieht. Von brüllend komisch bis zutiefst berührend reicht hierzu die Palette der schriftstellerischen Kunst Peter Careys, die von der ersten Seite an fesselt und bis zum Ende des Buches nicht loslässt. Damit gelingt Carey in bester Weise, was anderen nur staubtrocken als Abhandlung möglich wäre, ein klarer, unverstellter Blick auf die menschliche Natur, ihre Gefährdungen und Möglichkeiten und, vor allem, auf die mehr und mehr erstarrende Gegenwart, die vieles von dieser Kraft einer Gesellschaft vermissen lässt.

 

Ein Buch voller Sprachkraft und Sprachwitz, das weniger von seiner Grundidee der Geschichte lebt, viel mehr von der wunderbaren Reibung seiner Hauptfiguren und den treffenden Beobachtungen menschlichen Seins und menschlicher Möglichkeiten, die zeitlos präzise beobachtet und geschildert werden. Zu guter letzt ein intensives Buch über das Wesen der Freundschaft.

 

M.Lehmann-Pape 2010