KIWI 2015
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Peter Härtling – Verdi

 

Mit leichter Hand und fundiertem Wissen

 

Dass Verdi inmitten all seines Erfolges beim Publikum oft mit Verdruss auf Kritiken reagierte (die tatsächlich gerade aus Deutschland häufig harsch waren), wie Verdi als Mensch weitgehend „aus dem Herzen lebte“, wie er mit innerer Bewegung sein Requiem für den lombardischen „Volksdichter“ Manzoni komponierte.

 

Wie er manchem gegenüber fast hilflos gegenüber stand. Gerade bei Vater und Sohn Ricordi, seinem Verlag, seinen „Managern“ und den irgendwann nicht mehr zu übersehenen falschen Abrechnungen.

 

Und das Verdi, ganz Herz (inklusive eines durchaus launisch zu nennenden Charakters) eben auch gleich zwei Frauen innerlich nahe stand (seiner „Peppina“ und der langjährigen Muse und Sängerin Teresina).

 

Alles keine unbekannten Fakten, die aber von Härtling mit vielen anderen Entwicklungsstufen, Kompositionen (bei „Aida“ und dem ersten Streichquartett angefangen (mitsamt der ersten Fuge, die Verdi komponierte) bis hin zu seinem Spätwerk luftig und wie mit leichter Hand geschrieben, immer nah am menschlichem und Menschen Verdi in diesem Werk dem Leser nahe gebracht werden.

 

„Ich weiß schon, ich bin kindisch und lächerlich alt“, sagt Verdi. Aber eben auch unverbraucht wie ein Kind und gereift in seinen Möglichkeiten der Komposition. Oft „auf Achse“, ein Reisender der Musik, europaweit bekannt, generös und nörgelnd, durch seine Peppina im Gleichgewicht gehalten. Auch das sind schöne, kleine Szenen, wie ihn die ehemalige Sängerin zu nehmen weiß, ihn „in Richtung bringt“.

 

Und wie Verdi dann auch unnachahmlich seine Trauer auszudrücken versteht, als Peppina stirbt. Und er seinen Weg weiter zu gehen hat.

 

Und das alles in Form einer „Fantasie“ in Buchform. Jener musikalischen Ausdrucksweise, die ebenfalls immer luftig und leicht wirkt, die ein Thema von allen Seiten her variiert, sich manches Mal weit zu entfernen scheint von der Grundmelodie und doch immer wieder um den einen Kern kreist.

 

„Verdi ist zwar unantastbar in seinem Ruhm, aber er ist mir nahe in seinen Schwächen und in seiner Furcht, aus der Fantasie zu stürzen“.

 

Auf diese Weise nähert sich Härtling „seinem“ Verdi, dem Menschen. Nicht ohne dessen Werk natürlich „mitlaufen“ zu lassen und fundiert den Leser (ohne lange Ausschweifungen und ohne wissenschaftliche Ausbreitungen) in die Abfolge der Werke des späteren und späten Verdi einzuführen und in die Entstehungsgeschichte dieser Werke.

 

Immer wieder streut Härtling hierzu auch eigene Kommentare ein, verweist auf das, was ihn berührt, ihm wichtig wird an den einzelnen Stationen und Situationen und ermöglicht so dem Leser auf einfache und gerade Weise, dem Menschen und Künstler Verdi auch emotional näher zu kommen.

 

Ein nicht nur sachkundiges, sondern auch sprachlich unterhaltsam und schön zu lesendes Buch, in dem die Liebe zu Verdi und die persönliche Nähe des Autors zu Mensch und Werk die tragenden Kräfte sind. Und das nicht nur als „Fantasie“, sondern im Kern eng an den Fakten.


M.Lehmann-Pape 2015