dtv 2012
dtv 2012

Peter Henisch – Der verirrte Messias

 

Jesus Neu

 

Ein „Verirrter“ ist jener „Mischa“ aus dem neuen Buch von Peter Henisch durchaus. Ein Verirrter, der sich selbst, seine Geschichte, seine innere Heimat sucht. Der erfüllt ist von Gottes Geist, das Ganze aber in der Gegenwart des Jahres 2007 sich noch vergewissern, vergegenwärtigen muss. Das es nicht nur ein Traum ist, dass die Dinge, die er innerlich sieht und spürt, die ihm, dem Mann aus dem ehemaligen Sowjetreich, der seit 2001 deutscher Staatsbürger ist, im „Lager“ durch das Lesen eines Gideon Neuen Testamentes erst aufgegangen sind. Der durch diese Lektüre „von Gottes Geist“ erfüllt wurde und mehr und mehr jene Ereignisse des Lebens Jesu, von denen die Evangelien berichten, als eigene, tatsächliche und reale Erinnerungen annimmt. Berichte der Evangelien, die jener Mischa 2007 durchaus auch zurecht zurücken weiß. In einer Art und Weise, die anderes mitschwingen lassen als nur Äußeres.

 

Jener Mischa, welcher der Protagonisten des Buches, einer freischaffenden Literaturkritikerin, aus deren Sicht der Dinge eher zufällig begegnet. Wobei sich das aus Mischas Seite her durchaus anders darstellt, aber das wird Barabre erst später klar werden. In den entscheidenden Momenten des Kennenlernens aber ist auch sie nicht ganz bei sich (bei der Menge an Alkohol, die am gemeinsamen Abend der beiden genossen werden, sehr verständlich). Und so kann sie auch nicht mehr ganz genau sagen, ob tatsächlich an dem nackten Mann, als sie zu ihm ins Bett steigen will, jene Stigmata zu sehen sind, die sie erschrocken aus dem Hotelzimmer fliehen lassen. Mischa behauptet dies durchaus. Aber ob sie das einfach so hinnehmen kann?

 

Doch beschäftigen muss sie sich damit. Mischa reist nach Israel und wandelt auf den Spuren entweder seines früheren Ichs oder seiner Traumfantasien. Vor allem aber lässt er Barbara per Email intensiv an dieser Reise teilhaben. Eindrücke, denen sich die fast 40jährige Frau nicht entziehen kann. Eindrücke, die in ihr eine Entwicklung in Gang setzten. Genau jene Entwicklung, die das eigentliche Anliegen Jesus damals und immer schon waren. Die „innere Leere“ des Menschen zu füllen und für diese Füllung natürlich erst einmal bewusst zu machen. Insofern ist jener Mischa auf jeden Fall schon einmal nahe am Messias, denn innere Bewegungen, die löst er ohne Druck, ohne lange Vorträge, ohne Gebote intensiv aus. Aber ist er es tatsächlich auch in Person? Steht das Weltende der Johannes Apokalypse an?

 

In einfach schöner, unaufdringlicher, fließender Sprache erzählt Henisch seine „neue“ Geschichte des Mannes aus Nazareth und legt seinen Schwerpunkt auf das Eigentliche der alten Botschaft. Auf die Sehnsucht des Menschen nach innerer Fülle und Sättigung, auf das Wissen, dass diese innere Füllung nicht von außen nach innen, sondern nur im Inneren des Menschen selber stattfinden kann. Wie auch Jesus selbst „Zeichen- und Wundergläubigkeit“ seiner Anhänger und der Menschen scharf kritisierte. Wissend, dass durch Äußeres die Seele nicht ihre Bestimmung findet, sondern in die Irre geleitet wird.

 

Die Geschichte der Evangelien aus „Innensicht“, erläutert von jenem Mischa, das Nacherleben im modernen Lebensraum durch diesen „verirrten Messias“ und der intensive Austausch mit Barbara und deren Entwicklung, dies sind die drei Ebenen, auf denen Peter Henisch die alte Geschichte noch einmal erzählt. Nicht mit neuen Erkenntnissen oder umwälzenden Thesen oder skandalträchtigen „Enthüllungen“. Vorsichtig nähert sich Henisch sorgsam der „Heilsgeschichte“, verlegt diese in das innere Erleben des Menschen und erzählt ruhig von dem, was des Menschen Sehnsucht ist und wie Jesus anbot, diese zu füllen. Angemessen sorgfältig, vorsichtig und zurückhaltend, kann man sagen. Eine wohltuende Art, die alte Geschichte neu zu beleben und zu erzählen, die das Heilige achtet und dennoch eigene, neue Impulse zu setzen versteht.

 

Jesus, damals wie heute aus möglichst innerer Sicht, das Anliegen Henisch ist sprachlich wie inhaltlich wunderbar zu lesen, bringt die Fakten der Evangelien frisch vor Augen und berührt, ohne sich aufzudrängen oder laut selbst in den Vordergrund zu drängen.

 

M.Lehmann-Pape 2012