dtv 2011
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Peter Henisch – Schwarzer Peter

 

Suchen des eigenen Platzes im Leben

 

Peter Jarosch heißt die Hauptfigur des neuen Romans von Peter Henisch und die hat es, zumindest von ihren Startvoraussetzungen im Leben, durchaus in sich.

1946 lässt Henisch seinen Protagonisten zur Welt kommen, im Wien der frühen Nachkriegszeit, als Sohn einer Österreicherin und  eines, aber da fängt es schon an. Der Vater steht nicht im Raum.

Da aber Jarosch eher dunkler Hautfarbe ist, vermutet er einfach sehr intensiv (und mit ihm alle anderen), dass sein Vater ein schwarzer, amerikanischer Soldat war, der sich in die Heimat Amerika von dannen gemacht hat und seinen Sohn nun mit einigen Problemen zurücklässt. So trifft der Titel Schwarzer Peter gleich doppelt ins Schwarze. Wörtlich und im übertragenen Sinne, denn wohlgelitten waren jene Überbleibsel amerikanischer Soldaten nicht unbedingt, kurz nach dem Krieg.

 

Als in der Adoleszenz auch noch eine zumindest leicht spürbare Lust auf männliche (wie auch weibliche, das soll nicht verschwiegen werden) Körper hinzutritt, zudem, ganz ungewollt, Peter Jarosch in jungen Jahren selber Vater wird, kann man sich als Leser auf einiges an Komplikationen einstellen. Komplikationen und Entwicklungen, die nicht nur mit der Person und den Besonderheiten der Hauptfigur zu tun haben, sondern auch mit der Zeit, in der aufwächst. Die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts sind Zeiten des Aufbruchs und der Neuorientierung, der bereits vielbeschriebenen politischen und sexuellen Befreiung (wobei Jarosch sich deutlich mehr dieser zweiten gesellschaftlichen Neuheit zuwendet).

 

Einerseits ein Glück für den Protagonisten, denn nun gilt er weniger als fremd und als ein Verkehrsunfall, sondern als exotisch und damit anregend geheimnisvoll (was seine Möglichkeiten der körperlichen Annäherungen durchaus erweitert). Andererseits verhilft auch diese wilde Zeit ihm nicht dazu, innerlich ganz zu sich selbst zu finden und so bricht er einige Jahre später, Mitte der siebziger Jahre, auf nach Amerika, um seinen Vater zu finden. In New Orleans entdeckt der den Blues und dies scheint, zu Anfang und Ende des Romans, zumindest ein stückweit eine Art innerer Heimat zu sein.

Heimat eines Mannes, der auf den gut 650 Seiten des Buches vor allem eine Form innerer Unentschiedenheit, wenn nicht gar Gedankenlosigkeit, in sich trägt. Ein Thema, dass sich unterschwellig durch den Roman hindurch zieht. Sei es, dass er nach seinem Abitur (Matura) sich noch keinerlei Gedanken über die Zukunft gemacht hat, sei es, dass er wie nebenbei Vater wird (ungeplant natürlich), sei es, dass die Person Peter Jarosch trotz aller Beredsamkeit ein wenig unfassbar im Raume verbleibt.

 

In Form einer Ich-Erzählung lässt Peter Henisch seine schwarz angefärbte Figur durch die Zeiten gehen, oft irren. Und erzählt anhand dieser Lebensgeschichte auch von den Zeiten damals selbst (ein Thema, dass Henisch durchaus hier und da schon beschäftigt hat). Aber auch mit einem Grundthema, dass seit diesen Jahren immer wieder in den Raum tritt. Die Suche nach sich selbst, nach den tieferen Schichten, die die eigene Identität. Eine innere, durchaus auch zeitbedingte, Leere ist es, die in der Figur des Peter Jarosch zu finden ist.

Eine innere Leere aber auch, die im Roman selbst sich niederschlägt. Denn mittlerweile ist dieses Thema der Identitätssuche der direkten Nachkriegsgeneration einfach zu oft erzählt und, mit Verlaub, zu uninteressant für die heutige Zeit. So ist die Stärke des Buches, die Zeitgebundenheit auch in den Themen, zugleich auch die Schwäche des Buches.

 

Souverän erzählt in flüssigem Stil mit vielfachen Erlebnissen und vordergründigen Komplikationen gewürzt verbleibt nach der Lektüre dennoch ein leicht unbefriedigendes Gefühl ob der Themen und Problemstellungen in und um die Hauptfigur herum, die heute einfach nicht mehr wirklich mit zu reißen vermögen.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Peter Henisch

 

1943 in Wien geboren. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift ›Wespennest‹ und der Musikgruppe ›Wiener Fleisch und Blut‹. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet.

 

(Quelle: dtv)