S.Fischer 2018
S.Fischer 2018

Peter Schwindt – Borderland

 

Feinfühliger Entwicklungsroman

 

Schon vor Beginn der Ereignisse, die das Leben des 16jährigen Vincent wieder „zusammenfügen“ könnten, hat es eine Entwicklung im Lebend es jungen Mannes gegeben. Eine überaus traumatische, unerfreuliche Entwicklung.

 

Der Vater bei einem Unfall gestorben. Mit dramatischen Folgen auch finanzieller Natur. Vincent und seine Mutter mussten das Haus in guter Wohngegend aufgeben und in eine heruntergekommene Gegend in eine sehr viel kleinere und abgewrackte Wohnung ziehen.


Das damit ein Schulwechsel einhergeht und die Mitschüler am neuen Ort nicht sonderlich zimperlich mit behüteten Jugendlichen umgehen, versteht sich dabei fast von selbst. Ebenso, dass sich „ein Neuer“ nicht erfolgreich in der Menge verstecken kann.

 

Dass zudem die Mutter jeden Lebenswillen verloren zu haben scheint und weder mit dem Alltag noch mit ihren Tabletten sonderlich gut zurechtkommt, sondern umgehend im Krankenhaus landet, macht es nicht gerade einfacher für Vincent, in seinem immer noch schockierten Zustand, der inneren Verhärtung und dem verzweifelten Versuch, einigermaßen auf den Beinen zu bleiben, sich um alle anfallenden Probleme zugleich zu kümmern.

 

Doch zwei Mädchen treten in sein Leben. Unterschiedlich und doch hilfreich. Auch wenn Vincent das zunächst gar nicht wirklich erkennen kann.

 

Vida, eine Mitschülerin, schön, umschwärmt, rettet ihn vor Angriffen in der Schule. Ohne aber ihre Distanz zu Vincent aufzugeben. Obwohl sie durchaus weiß, was es bedeutet, dass ihr Geruch für ihn wie Jasmin riecht und sein Geruch für Vida Flieder in den Raum setzt. Oder vielleicht hält sie hohe Distanz gerade weil sie weiß, was diese Gerüche bedeuten.

 

„Es gibt Mädchen, die spielen in einer ganz anderen Liga“.

 

Und zum anderen Jane. Ein Mädchen, dass in einer Gruft zu schlafen scheint, gegenüber des Grabes seines Vaters. Scheinbar obdachlos. Und weil Vincent ein hilfsbereites Herz ins ich trägt, lässt er Jane, von seiner Seite aus nur für eine Nacht, in der neuen Wohnung übernachten. Was umgehend ein Dauerzustand zu werden scheint.

 

Doch, vor allem, jene Jane, die scheint über ihn einiges zu wissen, was nicht unbedingt öffentlich bekannt sein dürfte. Und statt, wie Vincent das sieht, sich als die zu fühlen, um die sich „gekümmert wird“, erdreistet das Mädchen sich doch überraschenderweise, sich als die „Rettung für Vincent“ vorzustellen.

 

„Du musst dich mir zuwenden, Vincent. Mich annehmen. Ich muss ein Teil deines Lebens werden, damit ich gehen kann“. Und wenn Jane dann die Entstehung von Grübchen unter der Nase erklärt und dass ein Engel dort seinen Finger auf das noch unfertige Gesicht kleiner Kinder gelegt hat, dann erlebt der Leser Vincent überaus verwirrt.

 

Was dem Roman seinen Reiz verleiht, denn gekonnt balanciert Schwindt auf der Grenze zwischen Realität und „Zwischenwelt“, zwischen Verzweiflung und inneren Lebenskräften, die nach außen dringen wollen und bei Vincent sich in der Musik zeigen werden. Zwischen realen Räumen („Das Borderland“, ein Musik Club, in dem Vincent seine Chance bekommt und dem erweiterten Verständnis des „Grenzlandes“ im Leben, vor allem, was die Figur der Jane angeht).

 

Schritt für Schritt wird Vincent das Leben anders betrachten können, sich selbst neu entdecken. Und sich dabei lange Zeit fragen, wer diese Jane eigentlich ist, die mal da ist, mal verschwunden bleibt, der er sich überaus verbunden fühlt aber ganz anders, als seine Verliebtheit in Vida.

 

Mit einigen Längen allerdings sind die Ereignisse versehen und die geheimnisvollen Andeutungen jener Jane Vincent gegenüber sind zu ofenkundig, um etwa aber der Mitte des Werkes her den Leser weiterhin mit Spannung zu fesseln, im Verlauf der Ereignisse wird doch zu früh zu offenkundig, in welche Richtung das „Grenzland“ für Vincent zu finden sein wird.

 

 

Am Ende gibt Schwindt vor allem jugendlichen Lesern eine Vorlage, auch bei massiven Schlägen und Bedrängungen im Leben das Suchen des eigenen Weges nicht aus den Augen zu verlieren, was insgesamt zwar an Vincent gut dargestellt, aber auch ein wenig sehr optimistisch entfaltet wird.

 

M.Lehmann-Pape 2018