S.Fischer 2016
S.Fischer 2016

Peter Stamm – Weit über das Land

 

Warum?

 

Sachlich, ruhig, karg in der Sprache schickt Peter Stamm seinen Protagonisten Thomas los.

 

Erfolgreicher Mann. Guter Job, wichtig in der Firma. Frau und zwei Kinder (eine Frau, die ihm von Anfang an bereits gefallen hat). Haus, gerade aus dem Urlaub zurück. Einer, der von der Bank vor dem Haus aufsteht, die aufgeschlagene Zeitung fast noch in der Hand und geht.

 

Und der Leser mag suchen und überlegen im Text, außer einem leichten Verdruss an den Gewohnheiten des Lebens (und noch nicht einmal einen drängenden Verdruss, eine ansonsten und überall eher alltägliche Krise vielleicht nach dem Urlaub zurück im gewohnten Ablauf) ist nichts als vordergründiges Motiv für diese Flucht zu finden.

 

Aber im Lauf der Lektüre beschleicht einen doch ein Gefühl, eher unklar, zaghaft, aus dem heraus eine existenzielle Frage des westlichen Lebensstiles heraus sich entfalten wird.

 

Warum schläft so einer lieber auf einer harten Plane im Vorzelt eines verlassenen Wohnwagens, denn das er nachts nach Hause zurückkehrt.

 

„Die Umkleidekabinen waren schmutzig, überall lagen Abfälle herum und der hellblau bestrichene Fußboden fühlte sich klebrig an“.

 

Unklar, aber mit einem melancholischen, unerbittlichen Unterton, der den Leser aufhorchen lässt. Könnte es sein, dass dieses „ganz normale Leben“, das jeder Westeuropäer für unbedingt erfolgreich und erstrebenswert erachten würde, einfach nichtig ist? Entleert, aushöhlt, so, dass alles andere als besser, gangbarer erscheint, so, dass der Aufbruch einfach existenziell notwendig ist?

 

Erfolgreiche Frau, Astrid. Verheiratet, Mutter zweier Kinder, ganz aufgehend in diesem überschaubaren, bürgerlichen Leben. Und wacht auf und findet ihren Mann nicht mehr. Später, da sie zunächst davon ausgeht, dass dieser einfach nach dem Urlaub früher ins Büro gefahren ist.

 

Bis das Büro anruft.

Und Astrid beginnt, vernünftige Ausreden zu erfinden. Erstmal. Den Schein aufrechterhalten. Und doch merken, wie sie selbst Stunde für Stunde sich entleerter fühlt. Nicht vordergründig verzweifelt, eher auf lethargische Art und Weise. Doch, sie wird ihn suchen, doch, sie wird den Kindern irgendwann was erzählen müssen, doch, sie bearbeitet eine Verkäuferin, eine Geschäftsführerin und findet in einem Polizisten einen, der ihr zuhört, der sein mögliches tut.

 

Aber all das trägt von Beginn an schon Zeichen der Zerfaserung und Zerfahrenheit, die Stamm höchst subtil im Text mitschwingen lässt.

 

Denn, selbst wenn sie ihn fände, jetzt und hier, was dann? Was sagen, was zurechtrücken? Wo wäre der Draht zu ihrem Mann, wie könnte sie das angehen?

 

In einer Welt, in der zu gelten scheint: „Sie redeten über Geld, über Liegenschaften, über Inventare und nötige Investitionen, aber nie darüber, worum es wirklich ging. Warum das alles“?

 

Das scheint die entscheidende Frage zu sein. Und wüsste der Leser eine bessere, überhaupt ein „Mehr an Antwort“, als dieser Thomas? Vielleicht ist es so, dass diese „Leere des Lebens“, die Unerträglichkeit des „einfach so“ den Kern dieses kühl erzählten Buches ausmacht. Aber wer weiß, vielleiht finden andere Leser andere Antworten.

 

Vor allem, was das Ende angeht, eine Auflösung ohne wirkliche Auflösung, ein Kreis im Leben, der sich nicht wirklich schließt, oder doch?

 

Das Buch begleitet seine beiden Protagonisten, Erklärungen oder gar Erlösungen oder zumindest einfache Wertungen, wer von beiden es denn „richtig“ oder „falsch“ macht werden nicht angeboten. Und gerade deswegen bildet das Buch einen solch passenden, vergrößernden Spiegel, eine Lupe auf das, was allgemein unter alltäglichem, sogar erfolgreichen Leben gedacht wird. Worauf viele andere Hinarbeiten und was hier so lapidar, aber dennoch unter großem, inneren Zwang und alternativlos aufgeben wird.

 

 

Die Sinnfrage an das übersichtliche Leben zu stellen ist Peter Stamm intensiv gelungen, mit einem Ende, dass den Leser fast alleine und ohne „runde Auflösung“ zurücklässt. Aber mit offeneren Augen, was das alles angeht, was so geschäftig den Tag füllt.

 

M.Lehmann-Pape 2016