C.Bertelsmann 2011
C.Bertelsmann 2011

Peter Temple – Wahrheit

 

Zerfallendes Leben

 

Obwohl das Sujet des Buches durchaus in den Bereich eines Kriminalromans oder Thrillers passen würde (immerhin geht es um Morde und der Leiter der Mordkommission in Melbourne ist die Hauptfigur des Romans), sollte dieses Buch von Peter Temple tatsächlich eher der Belletristik zugeordnet werden. Die Verbrechen im Buch dienen in letzter Konsequenz nur als Aufhänger, als Beiwerk für eine intensive Persönlichkeitsstudie, einen ebenso intensiven Blick auf schwierige und erodierende Familienbeziehungen und eine Darstellung einer sich in Gewalt auflösenden Gesellschaft (nicht nur in Melbourne). Die verschiedenen Randbemerkungen im Buch über immer unsicher werdende Lebensbereiche in der Millionenstadt in Australien, das um sich greifen von Gangs und die ebenso verrottete Moral auf der dekadenten, reichen Seite des gesellschaftlichen Lebens unterstützen dieses düstere Bild, dass Peter Temple in klarer, direkter, harter Sprache verfasst und damit dem Leser in bester Weise einen teils brutalen Spiegel des modernen Lebens vorhält.

 

Schon die ersten Zeilen mitsamt der Schilderung eines wie achtlos nebenbei zertretenden Kopfes eines Kindes mitsamt der zwar vorhandenen, dennoch aber abgestumpften Reaktion des Leiters der Mordkommission, Stephen „Steve“ Villani, führt den Leser mitten hinein in diese sich auflösende Welt. Ein Mord in einem der neuen, luxeriösen Hochhäuser ist die nächste Station des Inspektors und seiner Mitarbeiter. Eine Gruppe von Polizisten, von denen keiner unbeschadet bisher durch sein Leben gekommen ist. Männer, die in ihrer Kommunikation sich meist auf das Notwendige beschränken, in Teilen nur noch in Andeutungen miteinander sprechen. Die sich einerseits überbordender Gewalt gegenüber sehen im Rahmen der Gangs, die in einigen Vierteln der Stadt die Straßen in ihrer Gewalt haben. Die anderseits beim jüngsten Mord in der feinen Gesellschaft auf einer Mauer der Ignoranz bis in höchste Ämter hinein treffen.

 

Steve Villani selbst übt sich durchaus im jahrelang erprobten, aufrechten Gang, doch auch er sieht ein ums andere Mal, wie wenig es weiter geht. Auch privat. Mit seiner Frau in einer „schwierigen“ Phase, die 21jährige Tochter mit Unverständnis. Ein wenig Sex nebenbei löst seine inneren Spannungen auch nicht. Das Bild seiner Herkunftsfamilie passt in diese Sprachlosigkeit, die Ausdruck inneren Beziehungslosigkeit letztlich ist. In Sorge um seinen Vater, in dessen ländlicher Heimat Feuerbrünste toben, erlebt Villani auch hier mit Vater und Bruder kaum mehr als eine angedeutete Kommunikation. Eine fortschreitende, menschliche Isolierung, die beim Lesen fast schmerzt.

Einzig in der Erinnerung an intensive Jugendzeiten, das Anpflanzten eines ganzen Waldes, taucht am Rande so etwas auf wie eine befriedigende Welt.

Noch mehr Morde werden passieren. Seine Tochter verschwindet. Die Brände sind nicht unter Kontrolle zu bringen. Aber wie die Feuerwehrleute, die verzweifelt gegen die Brände kämpfen, ist eines klar: Kampflos wird Villani seine Werte und Wichtigkeiten, seine Tochter und Familie, seine Kollegen und Freunde nicht preisgeben.

 

Wie viele der vorhergehenden Bücher von Peter Temple ist auch dieses bereits mit einem Preis ausgezeichnet worden und das zu Recht. Peter Temple legt den Finger auf Wunden. Es brennt! Und das nicht nur im wörtlichen Sinne im Buch, sondern dieses Bild der überbrodenden Brände um Melbourne herum ist ein durchkomponiertes Buch über eine Gesellschaft und ein Miteinander einzelner Menschen darin, das einen trostlosen Eindruck hinterlässt, auch wenn er ein oder andere Etappensieg im Buch noch einmal davon getragen werden kann. Es wird nicht mehr alles gut werden. Bestens beschrieben, geschrieben und vor Augen geführt durch Peter Temple.

 

M.Lehmann.Pape 2011