Galiani 2014
Galiani 2014

Peter Wawerzinek – Schluckspecht

 

Aus eigenem Erleben

 

„Hätte ich besser auf Tante Luci gehört, es wäre nicht so schlimm mit mir gekommen“.

 

Aber wer weiß das schon. Denn die zunächst leichte, dann schwere bis schwerste Nähe zum „Glücksbringer“ und späterhin dann „Zerstörer“ Alkohol scheint dem Ich-Erzähler dieses neue Romans von Peter Wawerzinek fast ja schon „in die Wiege gelegt“, ist auf jeden Fall leicht zugänglich. Von der ersten „Nasenspitze“ an Tante Lucis Likörglas bis zu dann im Laufe der Zeit fast allem, was mit Alkohol versehen so intensiv die Kehle herunter läuft.

 

Ein Teufelskreis, natürlich, das weiß der Leser von Beginn an. Aus dem Leben sowieso, aber auch aus den ersten Seiten des Buches umgehend. Bis ganz nach unten wird dieser Weg führen, ekstatisch, kreativ im Rausch, weinerlich im Blues, körperlich (fast) völlig am Ende in den bitteren Momenten des „Alkoholiker-Lebens“.

 

Momente, Zeiten, die Peter Wawerzinek durchaus aus eigenem Leben zur Genüge und vielleicht genauso intensiv kennt, denn er hat, wie er sagt, lange Zeit seines Lebens den „Kampf mit dem Alkohol“ geführt.

 

Bei weitem aber keine sachliche Reportageform oder ein nur reflektierendes Kreisen um die eigene Biographie ist es, die den Leser im Buche erwartete, sondern ein sprachlich tatsächliches „Feuerwerk“ und ein temporeicher Roman mit klugem Blick auf all die Ereignisse, Höhen und Abstürze.

 

Flüssig, mit großem Sprachschatz, mit Tempo und Verve und einem fast schmerzlich klaren Blick (sprachlich wunderbar je auf den Punkt gebracht) auf den Selbstbetrug vor allem reißt Wawerzinek den Leser bildlich „von den Füßen“ und mitten hinein in die überbordenden Höhen und Tiefen dieses Erlebens.

 

„„Merke es dir gut! Alkohol ist der schlimmste Teufel dieser Welt“. Und trinkt die zweite Hälfte des Glases, sagt weiter nichts, lässt ihre Augen für sich sprechen. Schüttelt sich. Atmet laut. Hechelt ihre Atemluft“. Denn der zweite Schluck muss natürlich gegen jede Erkenntnis noch hinunter.

 

Eine kräftige Bildsprache vom ersten Moment des Lesens an, die bis zum Ende des Buches aufrechterhalten wird und für eine sehr, sehr lebendige und plastische Lektüre sorgt.

 

Und das alles ohne weinerliche Melancholie (auch wenn bittere Momente im Raume stehen werden), ohne das „Selbstmitleid des Säufers“, vor allem auch mit den „Höhen“, dem „Fliegen im Rausch“, dem Gefühl, das alles gelingt, gerade durch „das kleine Glas vorweg“ (und noch eins und noch eins).

 

Bis dahin, sich tatsächlich aus dieser Hölle (die erst einmal als solche erkannt werden muss) zäh aus eigener Kraft herauszukämpfen. Da, Ratten „aus Angst zu beißen“, „aus der Not“ zum Sprung ansetzen“. Die „innere Ratte“. Die noch im Hintergrund lauert. Denn zunächst gilt ja dem Ich-Erzähler im Brustton der Überzeugung:

 

„Angstmache“! Muss doch nicht jeder, der gerne trinkt, ein „gottloser Säufer“ werden. Aber wer so trinkt, der wird das werden, wie der Roman offenherzig aufzeigt. „Was sich Dir in Deinem Kopf als Mühlrad dreht, störe dich nicht daran“. Bis es nicht mehr andere geht, als sich daran stören zu müssen.

 

 

Sprachlich hervorragend, unverbrämt, direkt, plastisch und in allen Ecken und Winkeln des Lebens mit Alkohol wühlend, bietet „Der Schluckspecht“ seine sehr empfehlenswerte Lektüre eines „Ritts auf dem Vulkan“.

 

M.Lehmann-Pape 2014