Szolny 2016
Szolny 2016

Philipp Blom – Bei Sturm am Meer

 

Hervorragend erzählte Lebensdramen

 

Auf der einen Seite ist dieser kleine Kanal hinter dem Haus nicht das große weite Meer und auch das Wetter ist in dieser Szene im Buch nicht stürmisch, dennoch aber lässt Blom auch dort einen äußeren und inneren Sturm stattfinden. Der äußere besteht aus geworfenem Hundekot, der innere daraus, dass die damals noch junge Marlene schockiert ist über den Hass hinter diesem wahrhaften „Shit-Storm“, der ihr als Holländerin mit deutscher Mutter rau entgegenbläst, der andere ist die Frage, wie sie ihrer Mutter, dieser von den Nachbarn geschnittener Frau mit dem harten, deutschen Akzent so verdreckt gegenübertreten kann.

 

Eine Szene als Sinnbild für die rote Linie des ganzen Romans, denn hinter den äußeren Fassaden des Lebens von Marlene, ihrer Mutter Elly, die einfach auf Schicklichkeit in vielerlei Hinsicht und Ben, Sohn von Marlene und Enkel von Elly werden ebenfalls „stürmische Verhältnisse“ zu finden sein, die weder der Leser noch Ben so auch im Entferntesten erwartet hätten.

 

Obwohl, wenn man ruhig liest, Hinweise gibt Blom in der ersten Hälfte seines Romans, der sehr differenzierte und intensiv zu lesen Hinführung zu den Personen und Umständen schon. Verdeckt.

 

„Obwohl mir hier alles vertraut war, fühlte es sich doch falsch an, übertrieben und künstlich, wie das Set für einen Film über Einsamkeit“.

 

Einsamkeit, die ihren Grund hat. Die ihren Ausdruck im Alkohol findet. Und ein Set, das tatsächlich nur die künstlich aufrecht erhaltene Seite eines Familienlebens darstellt, das dahinter mit dramatischen Geheimnissen gefüllt ist.

 

Verhältnisse, Ereignisse, die Blom kongenial sprachlich zu schildern versteht. Mit seinem differenzierten Sprachschatz und im mühelos scheinenden Fluss der Worte nimmt der den Leser immer und immer wieder unmittelbar mit hinein in das Geschehen und das innere Erleben seiner Protagonisten. Es fällt nicht schwer, in all dem zu verstehen, warum das Meer und der stürmische Wind Marlenes Lieblingsort sind. Dieser Geschmack von Freiheit, dieses Durchlüften des eigenen Lebens, auch der Lebenslügen.

 

Wie dabei Blom intensiv zu schildern versteht, ist wunderbar. Wenn er die Sterbezeit von Marlene schildert, die Ben den Anlass gibt, die Dinge seines eigenen familiären Lebens als Brief für seinen gerade vierjährigen Sohn aufzuschreiben, wie das Aufbäumen der Sterbenskranken, die Ignoranz den Diagnosen gegenüber dem Leser die Kehle eng werden lässt, wie dann das eigene Erleben Bens hinzutritt und dies im Krankenzimmer mehr und mehr sich verdichtet, das liest sich ganz hervorragend.

 

„Ich kann nicht richtig in Worte fassen, wie es war, sie im Krankenhaus liegen zu sehen“.

 

Ben mag das so denken, Blom aber findet genau die richtigen Worte, wie im gesamten Roman. Vor allem ab dem Zeitpunkt, an dem die Fassade des Lebenshauses zumindest für Ben einstürzt. Dessen Vater als junger Reporter in Kolumbien verschollen zu sein scheint, von dem nur Erinnerungsfetzen noch im Raum stehen zu Beginn des Romans, dessen Geschick und Ergehen aber mehr und mehr eine zentrale Rolle spielen wird in dem, was Elly und ihre Tochter Marlene als Lebenskonstrukt erbaut haben.


Warum das so gewesen ist, wie es dazu kam und welchem Zweck das Ganze überhaupt dienen sollte, das ist Teil der zweiten Hälfte des Buches und von Blom in sich überaus folgerichtige angelegt.

 

Ein Buch, das aufzeigt, wie sehr der äußere Schein trügen kann, wie wichtiger der äußere Schein zu sein scheint, wenn er weite Teile eines Lebens wie ein Schauspiel formt und welche Auswirkungen das dann auf „die Nachkommenden“ hat, bis zur letzten Seite hält Blom dem Leser mit all dem auch einen Spiegel vor Augen, die eigenen „Schauspiele“ näher zu betrachten.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016