Knaus 2014
Knaus 2014

Philipp Meyer – Der erste Sohn

 

Amerikanisches Epos

 

Hat Philipp Meyer in seinem Debüt „Rost“ den Niedergang der amerikanischen Gesellschaft, die Zerstörung des „amerikanischen Traums“ zum Mittelpunkt seiner bildkräftigen Schilderung gesetzt, so zäumt Meyer in „Der erste Sohn“ nun das Pferd von hinten auf, geht an den Anfang zurück, an die „Geburt des amerikanischen Traums“. Wie sie wirklich war.

 

Hart, mit aufgekrempelten Ärmeln und einer gehörigen Portion Rücksichtslosigkeit steht der Clan der McCulloughs Mitte der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts im neugegründeten Texas angesichts der „neuen Welt“ und der Chance, sein Glück zu machen. Wobei, was sich nach Siedler-Romantik anhört, besser als „sein Glück zu zwingen“ formuliert werden sollte.

 

Eli Mccullough ist „der erste Sohn des neuen Staates Texas“ und er erzählt im Buch zunächst  seine Erinnerungen, die von einer ganz besonderen Prägung künden.

 

Denn Meyer hat nicht im Sinn, edle Indianer und schweigsame, aber gerechte Cowboys neben gottesfürchtigen und hart arbeitenden Siedlern als Hauptrollen zu besetzten (wenn solche auch durchaus hier und da im Buch erscheinen, nicht selten als Opfer).

 

Die Realität, das schmutzige, dreckige, auch grausame Erleben schildert Meyer in seiner bildkräftigen, klaren Sprache mit Augen, die nicht wegsehen und nicht ausblenden, wenn es massiv wird. Im „Wilden Westen“.

 

Land, Öl, Reichtum, Macht, Einfluss, sich nehmen, was man begehrt. Mit jedem Mittel, das zur Hand ist. Damit stehen die McCoulloughs bei weitem nicht alleine da.

 

Sehr differenziert, sehr die Personen auslotend geht Meyer dabei vor. Es geht ihm nicht um schnelle Colts, Helden, ehrbare Staatengründer, „edle Wilde“  oder Intrigen, Gewalt und Rücksichtslosigkeit in erster Linie, es geht ihm um die Realität von Menschen in einer nicht einfachen, vielschichtigen und sehr fordernden Situation. Die Härte mit sich bringen und Brüche nach sich ziehen.

 

Männer, Frauen, Söhne, Töchter, deren Kern, das dringt aus dem Hintergrund der Abläufe mehr als einmal in den Vordergrund der Lektüre, das „Schaffen und Bewahren“ ist. Vor allem für sich selbst.

Die Aneignung eines eigenen Lebens und die Sicherung und Weitergabe dieses hart erkämpften Standes im Leben an die eigene Familie. Der Aufbau einer Dynastie, das Denken, das die Familie der Kern des Lebens ist, man sich als Familie nur untereinander nahe steht, „da draußen“ Gegner nur auf Fehler und Schwächen lauern und all das um jeden Preis verteidigt werden muss.

 

Aus Erfahrung heraus, nicht aus Fantasien oder Bösartigkeit heraus gespeist. Zumindest, was Eli Mccullough angeht.

 

Ob gegen Indianer (die mit massiver Grausamkeit und brachialer Härte nichts anderes als Blut hinterlassen und nur durch militärische Gewalt Schritt für Schritt zurückgeschlagen werden können) oder gegen Konkurrenten, das bleibt sich am Ende fast gleich.

 

Wobei Meyer auch diese indianische Welt aus der „Innensicht“ heraus durchaus differenziert, aber ohne jede Folklore, darstellt. Über das gefangene Kind, das in einem Stamm heranwächst und später die dort erworbene „Lebenshaltung“ mit aller Härte weiter lebt.

 

Und das später diese innere Prägung mit in seine Familie hineingibt.

 

Wobei scheinbar nicht jedes der Kinder die gleiche Härte mit auf den Weg bekommen hat. Auch die Brüche dieses Lebens, die Ausgrenzung, Abwertung, die auftritt, wenn einer „aus der Reihe tanzt“ sind Teil dieser hervorragend erzählten epischen Familiengeschichte.

 

Bis hin zum eigentlich Scheitern dieses „anders Seins“, denn da fehlt dann wieder die nötige Rücksichtslosigkeit, wirklich etwas zu ändern, statt sich nur zu beklagen.

 

Eine Geschichte Amerikas in der Neuzeit, ein Blick auf die innere Haltung Darwinscher Auslese, ungeschminkt und ohne romantische Verklärung, wortgewaltig und fesselnd.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014