Kein und Aber 2015
Kein und Aber 2015

Philipp Tingler – Schöne Seelen

 

Grandios erzählt

 

In vielen (tiefen oder eher leichten) Ratgebern der Welt, von den alten Büchern der Religionen bis zu den neuen Erkenntnissen mancher Therapeuten kann man fast darauf wetten, dass sich das Bewegen im äußeren Übermaß und Überschwang, wie auch in der fast absoluten äußeren Oberflächlichkeit kaum vereinbaren lässt mit einer tieferen, inneren, persönlichen Entfaltung und Reifung.

 

Das aber ist das eigentliche Thema dieses grandios geschriebenen, auf den Punkt beobachtenden und ohne Scheu auch auf den Punkt bringenden Romans über das Ergehen des Oskar in seiner „oberen bis höchsten“ Gesellschaft.

 

Deren Manierismen, deren unglaubliche Oberflächlichkeit und deren absolute Fixierung auf einerseits Klatsch als Klebstoff der Welt und andererseits auf das eigene rein äußere Erscheinungsbild (mager, chirurgisch optimiert und „am Optimieren, genau auf die „Demarkationslinie“ achten, wer dazugehört und wer nicht) Tingler so atemberaubend und (fast) ohne Häme beschreibt, dass es dem Leser Seite für Seite ein heftiges Nicken ebenso, wie ein fremdschämendes, ungläubiges Erstaunen, entlockt.

 

Menschen mit dem „Feingefühl einer Hyäne“, wie Tingler nicht nur beschreibt, sondern auch handeln lässt.

 

„Wenn ich irgendetwas gelernt habe im Leben, dann ein vages Gefühl für Timing. Ich weiß, wann man eine Party verlässt“.

 

Und dies, zugleich damit natürlich, überhaupt eingeladen zu sein, ist so ziemlich einfach alles, worum der gesamte Stab der oberen 100-200 in Zürich und Zug zu kreisen scheint. Vom „alten Geld“ mit „dicken Klunkern“ über jene „Zwischenreich Menschen“, die als Frisör, Inneneinrichter oder Eventmanager „der Saison“ an der Höhenluft mal schnuppern dürfen und alles bereit sind, diesem Altar zu opfern.

 

Wo man stirbt mit einem „Ausdruck profunder Ermattung“, weil man „zu Tode gelangweilt“ aus dem Leben scheidet. Wo eine Trauerfeier ein Akt der Hochleistungsorganisation ist und selbst der Trauerredner natürlich nur „vom Feinsten“ sein darf. Inhalte sind nicht gefragt, die Form ist alles, der Schein das Leben.

 

„Diese Gesellschaft behandelte alles, und sei es der Tod, als Geschmacksfrage“.

 

Nur jener Oskar, der seinem Freund Viktor bereit ist, unter die Arme zu greifen und statt seiner jene Therapie über sich ergehen zu lassen, die Viktors Frau von jenem fordert (aus „Ermattung“?), bewahrt sich einen klaren Blick und einen trockenen Humor sondergleichen, der ihn zugleich umschwärmter Teil von allem sein lässt und zum anderen ihm eine innere Distanz verschafft, die er im Lauf des Romans mehr und mehr zu nutzen versteht.

 

Können da ganz einfache, pragmatische Erkenntnisse der Liebe, des „Klebstoffs“ zwischen Mann und Frau in der Ehe, bestand haben, überhaupt Wirkung entfalten?

 

Das ist die Kunst dieses Romans, dass Oskar seine innere Odysee nicht vollzieht in zunehmender Distanz zu all dem oder gar im „sich abwenden“ (müssen), sondern in reflektierter Weise in all diesem Schein eine ganz eigene Persönlichkeit entfaltet und seinen Weg innerhalb all dessen mit klarem Profil geht.

 

Mit profanen Erkenntnissen (ob nicht eine Nasenkorrektur ebenso ein Problem lösen kann, wie eine mehrjährige Therapie ob der Minderwertigkeitsgefühle durch die eigene, verformte Nase hervorgerufen) und tiefen Weisheiten. Was die Liebe, die Ehe, die innere Stabilität in jedwedem äußeren Rahmen angeht.

 

Und in dieser Haltung sowohl sein Leben im Umfeld wie selbst die Therapie als Symbol dieses Lebens im Kleinen einerseits unbeschadet übersteht und andererseits dennoch Gewinn selbst aus Plattitüden zu ziehen vermag.

 

„Ansonsten hat man einfach einzusehen, dass im Großen und Ganzen alles einen Sinn ergibt“.

 

Welchen? Dafür lohnt es sich, das Buch bis zur letzten Seite in Ruhe zu lesen, sich zu erfreuen am treffenden, offenbarenden Stil Tinglers, präzise nun zu wissen, was einen (falls es einen) stört an „Reichen-Formaten“ im TV und warum dennoch das Geld und der schöne nicht der entscheidende Faktor des Lebens ist. Und daher auch nicht stört!

 

Eine sehr empfehlenswerte, wunderbar leicht wirkende und tief reichende Lektüre über das (wahre) Leben und „reale) Liebe. Mit einer interessanten Erläuterung des Begriffs „Fügung“, der auch nachdenklich zurücklässt.

 

M.Lehmann-Pape 2016