Klett-Cotta 2014
Klett-Cotta 2014

Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben

 

Sprachlich hervorragend und psychologisch tiefreichend

 

Da sind die letzten Tage des ersten Weltkrieges. Da ist dieser Teufel in „schöner Menschengestalt“, der Leutnant, der nichts anderes als sein Fortkommen im Sinn hat, der jede Sekunde dieses Krieges nutzen will für sein Netzwerk, um auf sich aufmerksam zu machen, um voran zu gehen. Und dabei im wahrsten Sinne des Wortes „über Leichen“ geht.

 

Skrupellos, attraktiv, einer, der gedenkt, nach oben zu heiraten aber „seitwärts“ seine Finger dabei nicht bei sich behalten will und wird.

 

Da ist dieser einfache, aufrechte, immer leicht langsam, dem Leben hinterherhinkende Albert. Der einfach aus dem Graben in den Kampf läuft und an der falschen Stelle landet. Was dem Leutnant ein Dorn im Auge ist und bleiben wird. Der umgehend, klar und skrupellos dieses Problem zu lösen gedenkt.

 

Da ist Edouard. Pfiffig, wendig, Sohn aus reichem Haus, der eigentlich ja nur diese letzten Stunden überstehen will. Einigermaßen gesund.

 

Und doch kommt alles anders und das in dramatischer, harter Weise. Für den einen direkt, für den anderen später, für jeden am Ende.

 

Wobei zunächst Albert und Edouard beisammen bleiben, durch ein grausames Schicksal „wie ein altes Ehepaar“ innerlich aneinander gekettet.

 

Während der Leutnant nicht nur seine erste Million in der Zeit sofort nach dem Krieg „machen“ wird, sondern auch noch in eine Familie einheiratet, die ihn in unbedingter, innerer Verbindung zu den beiden einfachen Soldaten verbleiben lässt.


Was zunächst nicht auffällt, hat doch Albert für Edouard aus gutem Grund eine neue Identität gefälscht und den gemarterten Mann offiziell sterben lassen.

 

Und muss nun sehen, wie er irgendwie in den harten Zeiten nach dem Krieg für sich und Edouard durchkommt. Mehr schlecht als recht und mehr krumm als gerade, aber aus dieser Verpflichtung kommt er nicht mehr heraus.

 

Intensiv geht Lemaitre seinen einzelnen Figuren nach und legt präzise deren Inneres offen. So sehr, dass selbst der verdorbene „schöne Mann“ dem Leser griffig vor Augen geführt wird und gar so etwas wie ein emotionales Verständnis für dessen Handeln aufkommt. Trotz der rabiaten Art, trotz der ständigen „krummen Geschäfte“, die der Mann allein zur eigenen Bereicherung vollzieht.

 

Und das alles in bildgewaltiger Sprache. Wie schon zu Beginn Lemaitre den Kampf Alberts im glitschigen Granattrichter beschreibt, wie er plastisch die Woge an Dreck und einem abgetrennten Pferdekopf in diesen Graben wie einen Tsunami hineinschleudert und dann emotional dicht das alles aus der Sicht des Verschütteten erzählt, das packt den Leser ungemein.

 

Und auch wenn Lemaitre an doch nicht wenigen Stellen sehr, sehr ausschweifend erzählt, so manchen Nebensträngen zu sehr nachgeht, zu ausschweifend Charakterzüge erklären will, manches Mal einfach zu sprachverliebt erscheint, so dass der Leser hier und da versucht ist, einfach einige Seiten vor zu blättern, um dem roten Faden wieder folgen zu können, so erzeugt der Autor doch einen intensiven Fluss der Bilder, Personen und der Atmosphäre im Krieg, im Lazarett, in der Zeit danach in Paris, die den Leser mitten hineinnimmt.

 

Hineinnimmt in all die kleinen und großen Gefühle, die Not, die furchtbaren Folgen, die innere Intensität, Resignation, Verzweiflung, Leere, Hoffnung seiner Protagonisten. Mitsamt der sich steigernden Spannung, wie das alles enden wird.

 

In die Scham im Aufzug, die alte Verlobte wiederzusehen und angestrengt so zu tun, diese nicht zu kennen. In die Dumpfheit des Brütens mit einer Zigarette im Nasenloch. In das Schreien des Schmerzes und die Kälte des Herzens.

 

Dieser Vater-Sohn, Kriegsgewinnler und Kriegsverlierer, Reich und Arm Geschichte im Buch.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015