C.Bertelsmann 2010
C.Bertelsmann 2010

 

Pierre Szalowski – Bei Kälte ändern die Fische ihre Bahnen

 

Unverhoffte Wendungen des Lebens

 

Was macht man, wenn man 11 Jahre alt ist, wenig ausrichten kann in der Erwachsenenwelt, und dann erfährt, dass die eigenen Eltern, an denen man hängt, ihre Ehe aufgeben wollen?

Wenn man sieht, dass der Vater bereits die Koffer packt und auf dem Sprung ist, das gemeinsame Heim zu verlassen?

 

Und das alles an den Weihnachtstagen, der Weihnachtsschmuck ist schon ausgepackt, die Vorfreude bereits im Raum, es scheint ein Weihnachten wie jedes Jahr zu geben. Mühsam bewahren die Eltern zur Bescherung noch Haltung, am nächsten Tag aber platzt die Bombe.

 

Auch wenn der Protagonist bereits seit 5 Jahren weiß, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Aber als Einzelkind ist es ihm natürlich daran gelegen, seinen Eltern ein schönes Weihnachtsfest zu ermöglichen, denn Weihnachten ist für die Eltern genauso wichtig, wie für die Kinder. All dies wird auf den ersten Seiten zu Grunde gelegt, als Atmosphäre in wunderbarer Sprache geschaffen, bevor das Unheil droht, seinen Lauf zu nehmen an jenem Weihnachtstag in Montreal, Kanada.

 

Was also tun? Auch wenn man schon lange nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt, da hilft nur ein Gebet. Und das Gebet wird beantwortet. Ein massiver Eissturm zieht auf und hindert den Vater daran, die Familie zu verlassen. Mehr noch, hilflos wird er quasi ins Haus zurückgespült und eine Entwicklung kann ihren Lauf nehmen, deren Ende im Buch allerdings lange noch offen bleiben wird.

 

Nicht nur die kleine Familie ist vom himmlischen Eingreifen betroffen, auch in der Nachbarschaft ergeben sich ganz neue Konstellationen durch die Wucht des Sturmes. Boris Bogdanovich ist tief beunruhigt, bei seinen mathematischen Untersuchungen des Verhaltens von Fischen kann er sich einen drohenden Stromausfall nicht leisten. Gut, dass er in Julie eine Anlaufstation findet, die aber wiederum mit ihrer ganz eigenen Sehnsucht beschäftigt ist. Ob Boris doch noch von seinem Forschersessel heruntersteigen wird, um die menschliche Nähe zu finden? Oder das schwule Paar Simon und Michel, die in dieser Ausnahmesituation sich Fremden gegenüber outen und jenen durchaus hilfreich zur Seite stehen werden.

 

In einer langsamen Erzählweise, fast wie in einem Kammerspiel auf engstem Raum, wendet sich Pierre Szaloswki intensiv dem inneren Erleben seiner Protagonisten zu. Minutiös begleitet er seine Figuren auf ihrem Weg, äußerlich durch den Eissturm, innerlich durch ihre Entwicklung in ihrer ganz eigenen Welt. Nicht nur Fische ändern bei Kälte ihre Bahnen, auch Menschen, auf sich selbst zurückgeworfen, in einer Situation, in der sie sich und den anderen Anwesenden nicht entweichen können, erleben neue, ungewohnte, auf keinen Fall aber schlechte Entwicklungsbahnen.

 

Pierre Szaloswki ist ein leises, schönes Buch gelungen, in dem er zeigt, wie bahnbrechend himmlische Kräfte doch Wirken können, wenn man sich nicht ablenken und nicht entziehen kann, für eine kleine Weile zumindest. Eine kleine Weile, die im Buch ausreicht, verrückte Welten wieder in Ordnung zu bringen.

 

M.Lehmann-Pape 2010