C.Bertelsmann 2012
C.Bertelsmann 2012

Pierre Szalowski – Da ist immer einer, der dich liebt

 

Eine weitere „verwandelnde" Weihnachtsgeschichte

 

Er ist wieder in der Stadt. In Montreal. Der ehemalige Superstar der NHL, verwachsener Spieler der Canadians de Montreal von Kindheit an. Der keiner sonstigen Vergnügung je aus dem Weg ging. Zechgelage und ungezählte Frauen säumten und säumen seinen Weg. So intensiv, dass er schon vor Jahren von den Canadians verkauft wurde, hier und da spielte und nun, auf seine „alten Tage“, zurückgeholt wurde.

 

„Auf dem Spielerparkplatz hatte er nur die hintere Tür seines großen Wagens zu entriegeln brauchen, schon waren drei als Fans getarnte Call Girls eingestiegen“. So einer ist das, der nun unter kritischer Betrachtung der Sportpresse noch einmal die Canadians verstärken soll.

Heiligabend trifft er in Montreal ein. Als einziger Gast in einem Luxushotel. Sein Ruf eilt ihm voraus, Offizielle des Vereins haben genaue Anweisungen gegeben, was Alkohol auf dem Zimmer und Besuche weiblicher Wesen angeht.

 

Aber Martin Ladouceur, genannt Ladouce, wäre nicht mit allen Wasser auf und neben dem Eis gewaschen, wenn er nicht Möglichkeiten finden würde, sich seinen Spaß zu suchen. Da er grundlegend nie an andere denkt, sondern nur an das, was ihm den Abend erfreulicher machen könnte, sind die Angestellten des Hotels und der Taxifahrer, den er für den Abend fast okkupiert nur Erfüllungsgehilfen.

 

Doch in dieser Nacht wird sich einiges anders gestalten als gewohnt. Und Ladouce selbst wird das erste Mal seit langen Jahren auf eine Form des sanften Widerstands treffen, mit dem er in seiner altgewohnter, aggressiven Weise nicht wirklich zu Rande kommen wird.

 

Sei es der Page des Hotels, der sich (zunächst) konsequent weigert, sich ein Autogramm geben zu lassen. Sei es der haitianische Taxifahrer, der nicht bereit ist, ständig und umfassend die gesamte Nacht zur Verfügung zu stehen (zumindest am Anfang). Sei es der alte (und neue) Mannschaftskamerad und Orgien-Kumpan Laberre, der ein ruhiges Weihnachten mit der Familie vorzieht und Ladouce gar nicht erst ins Haus lässt.

 

Vor allem aber dieses Kind, das plötzlich in seiner Hotelsuite auftaucht, nach dem Gespräch mit dem alten Trainer, der ebenfalls keine warmen Gefühle für Ladouce zeigt, ihm aber eröffnet, dass da vor einigen Jahren etwas mit weitreichenden Folgen geschehen ist. Und zu guter Letzt huschen wie ein Phantom auch die Eltern, vor allem der Vater Ladouces, durch die Seiten des Romans, mit dem Ladouce seit Jahren über kreuz liegt. Die Richtung der Wandlung und Versöhnung liegt somit ziemlich früh bereits vor dem Auge des Lesers.

 

All dies bildet den Rahmen für eine kleine Odyssee im Buch. Zunächst auf der Suche nach gewohntem Spaß mit Wein und Weib, dann mehr und mehr auf der Suche nach sich selbst, befördert von dem stets Ruhe bewahrenden (und kluge Sätze von sich gebenden) Taxifahrer und eben dem kleinen Jungen, der im Hotel auftauchen wird. Mitsamt seiner Mutter.

 

Eine fast klassisch zu nennende Entwicklungsgeschichte ist es, die Szalowski in schöner und treffender Sprache erzählt. Der von sich selbst entfremdete Mann, das „Raubein“, der an einem einsamen Heiligabend so einiges verliert, aber auch viel gewinnen wird. Wie unter anderem einen Pagen, der ab einem bestimmten Punkt dann doch ein Autogramm wünscht, als der „wahre“ Ladouce langsam hinter der rauen Schale sichtbar wird.

 

Eine Geschichte, die trotz manch humorvoller Szenen und trotz der inneren Schlüssigkeit, trotz der angenehmen Sprache doch altbekannt wirkt (und ist). Solch weihnachtliche „Verwandlungen“ mit einem Schuss Mystik und Jesus-ähnlichen Figuren (verdeckt natürlich, aber doch da) sind ebenso vielfach bereits geschrieben, wie die verwandelnde Kraft der Liebe immer wieder Mittepunkt solcher Geschichten war.

 

Schön zu lesen, eine durchaus neue Wendung im bekannten „Weihnachtssetting“, aber eben nichts wirklich Neues oder ganz anders unter der (Weihnachts-) Sonne.

 

M.Lehmann-Pape 2012