S.Fischer 2013
S.Fischer 2013

Rachel Joyce – Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte

 

In die Tiefe erzählt

 

Nein, es ist nicht so, dass eines der entscheidenden Jahre im Buch in zwei Sekunden vorbei war. Wohl aber, bedingt durch ein Schaltjahr und andere Momente, war es 1972 nötig, dem Jahr zwei Sekunden hinzuzutun. Sekunden, die in der kleinen Siedlung in England, in der nach klaren Abläufen und Regeln lebenden Familie von Vater Seymour (unter der Woche in London arbeitend), Mutter Diana, dem 11 jährigen Sohn Byron und dessen kleiner Schwester aber doch die Welt verändert haben.

 

Abläufe, die ganz dem strikt geregelten und Überraschungen hassenden Leben der Familie und des Umfeldes entsprechen. Alles hat seinen Platz, seinen Ort und seine Zeit. Schule, Internat und spätere Berufe für die Kinder sind geplant. Der größte Triumph des Vaters ist es, seiner Frau einen „Jaguar“ geschenkt zu haben. Vor allem, damit ihn die „anderen alle“ sehen und bewundern. Um diesen drehen sich auch die meisten Gespräche bei den täglichen „Kontrollanrufen“ Seymours. Verhältnisse, in denen allseits nichts Unkontrolliertes erwünscht ist, selbst das Spielen der Kinder sorgt für Unmut und heftige Reaktionen.

 

Byron kann diese zwei Sekunden nicht so recht fassen. Seine Fantasie läuft ein um das andere Mal davon und just in dem Augenblick, in dem er meint, zu sehen, wie der Sekundenzeiger seiner Uhr sich rückwärts bewegt, passiert etwas. Glaubt Byron zumindest. Und glaubt seine Mutter dann irgendwann auch. Mit dramatischen, mit schrecklichen Folgen.

 

Eine Geschichte zunächst, in der Joyce sehr intensiv und dicht die Enge des Lebens in dieser gesellschaftlichen Schicht im England von 1972 darstellt. In welcher der Leser fast physisch Widerwillen gegen den oberflächlichen, egomanischen Vater aufbaut, die Entwicklung der Mutter mit Sorge verfolgt und bereits ahnt, dass da Schlimmes passieren wird. Auch die enge Freundschaft zwischen James und Byron (aus dessen Perspektive heraus Joyce diesen Teil der Handlung erzählt), kann die zunehmende Verzweiflung Byrons nicht auffangen.

 

Denn, ist er nicht schuld? Weil er kein Geheimnis für sich behalten konnte? Weil er drängte und drängte gegen alle Versuche anderer, dieses Thema einfach auch zu lassen?

 

Eine andere Geschichte beginnt im Buch. In der Gegenwart. 40 Jahre später. Eine Geschichte, die parallel zum Erleben Byrons von 1972 erzählt wird. Die Geschichte von Jim. Der mit den Lücken im Gedächtnis. Der mit der Heimvergangenheit. Der, der ohne seine täglichen ausufernden Rituale noch nicht einmal in der Lage wäre, die Tische im Cafe sauber zu wischen (was seine Arbeit ist).

 

Was aber haben dieser Jim und diese Ereignisse der damaligen Zeit überhaupt miteinander zu schaffen? Was hat es mit den „21 Durchgängen“ von Ritualen auf sich, mit der Leidenschaft des Pflanzens bei Jim? Und was wird mit der Familie in dem Haus in der Siedlung nachdem die zwei Sekunden Zugabe vermeintlich so dramatische Folgen hatte?

 

In aller Ruhe erzählt Joyce ihre beiden Geschichten und geht den Dingen, vor allem aber den Menschen, auf den Grund. Unerbittlich aber gehört zu ihrer Erzählweise auch hinzu, dass Dramen am Horizont auftauchen und sich ereignen werden. Auch wenn der Leser (und die Personen im Buch) dem gerne entkommen würden.

 

Und es gehört dazu, dass die Gesamtkonzeption des Buches im Nachgang betrachtet einen großen Kreis beschreibt, der sich öffnet und wieder schließen wird. Mit einzelnen Szenen, die berühren und mit Menschen, die keine besonderen Leistungen hervorbringen und trotzdem sich das Wichtigste bewahren, was Liebe und Freundschaft ist. Auf ihre ganz eigene Weise. Eine Weise, für die Joyce kleine Symbole im Buch immer wieder mit an den Wegesrand legt.

 

So ist dieses Buch ganz anderes als die „Pilgerreise“ und dennoch auch eine Reise. Ganz anderer Art. Mit vielen Niederlagen und Verwirrungen. Und doch zu einem Ziel, das lohnt.

 

Sprachlich wunderbar, sensibel dargelegt, mit großer Sprachbreite auch, um auch kleinste Wendungen nicht verloren gehen zu lassen. Und mit einer ganz eigenen Geschwindigkeit des Erzählens, die den an Tempo gewohnten Leser in guter Weise zur Ruhe kommen lassen bei der Lektüre.