S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Rachel Joyce – Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry

 

Die Vervollständigung des ganzen Bildes

 

Da war mehr. Viel mehr, als Harold Fry ahnt, als er sich im ersten Buch von Rachel Joyce auf seine spontane Reise zu Fuß zu seiner sterbenden, ehemaligen Kollegin Queenie machte.

 

Wie viel mehr, das ahnt selbst der Leser nicht, auch wenn zu Beginn dieser „Erinnerungen“ der sterbenden Frau zumindest deutlich wird, dass zu jenen Zeiten damals sie viel, viel mehr als nur eine angenehme Kollegin für Harold Fry sein wollte.

 

Ein Liebesroman also ist es, den Rachel Joyce nun ihrer „Pilgerreise“ nachfolgen lässt. Ein melancholischer Roman. Der Versuch der Frau im Hospiz, zum Ende ihrer Tage hin jetzt aber alles der Wahrheit entsprechend niederzuschreiben. In Form eines Briefes an Harold Fry.

 

Es ist ein dramatisches, belastendes, massives Geschehen, das Queenie seit über 20 Jahren mit sich trägt. Ein Geschehen, dass sie, aus ihrer Sicht, so tief von dem heimlich geliebten Mann trennte, dass sie ihre Gefühle danach nie mehr zu erwähnen wagte.

 

So liegt sie nun im Hospiz und leidet vor allem seelisch. Als eine neue Betreuerin, Schwester Mary Inconnue, wie aus heiterem Himmel (im wahrsten Sinne des Wortes), ihr Zimmer betritt. Ihre Schreibmaschine zu Recht rückt und ihre Hilfe bei dieser Lebensbeichte anbietet.

 

Es wird ein langer, intensiver, lebendiger Brief voller Gefühl und dichter Emotionen, soweit sei vorweg gesagt. Und es wird eine Erklärung geben für jenen Brief voller Punkte und Striche, der keineswegs einen Morsecode darstellt, wie es die Leiterin des Hospizes später vermutet. Was bleiben wird ist ein inneres Lied, das ist, worum die letzten Stunden und Tage von Queenie kreisen und das ist, worum letztlich vielleicht das gesamte Leben der Menschen kreist.

 

„Vielleicht ist es weiser, einfach hinzunehmen, was wir nicht verstehen, und es damit gut sein zu lassen. Erklären heißt manchmal schmälern….Wir teilen alle dieselbe Erde“.

 

Und vielleicht auch denselben seelischen Kern von Sehnsucht, wie ihn Rachel Joyce durch ihre Queenie immer wieder im Buch andeutet und hervorzaubert.

 

„Und so viele Menschen, die ihrem Leben nachgehen…gewöhnliche Menschen, die gewöhnliche Dinge tun, von niemandem bemerkt oder besungen, aber trotzdem sind sie da und so lebendig“.

 

Und so lebte Queenie auch und lebt noch, für einen Hauch. Und ergänzt das Bild der „Pilgerreise“ um überraschende, andere, wichtige Wendungen. Ereignisse und Emotionen, die Harold Fry nicht wissen konnte, die nun zur Sprache kommen.

 

„Ich fange an zu weinen. Nicht vor Schmerz. Es sind Tränen der Erleichterung“.

 

Eine innere  Linie, in der Joyce mehr und mehr in die Tief geht und diese Tiefe menschlicher Emotionen und dessen, was ein Leben an „Lebenslied“ ausmacht, fassbar zu formulieren versteht. Eine emotionale Nähe zum Leser, die nicht unberührt lässt und die zur Frage aufruft, was denn alles im eigenen Leben noch danach ruft zu Recht gerückt zu werden. Auch wenn das Ende noch nicht so akut im Raume steht, wie bei Queenie.

 

„Es gibt so viel, was wir nicht sehen“, hatte Harold auf einer der gemeinsamen Dienstfahrten damals seiner Kollegin gesagt. Und das stimmt. Nicht nur, was Harold selber angeht, der so viel nicht gesehen hat und nicht wusste. Erfährt er es jetzt, durch diesen Brief? Wer weiß.

 

 

Dazu muss man natürlich das Buch mit seinen sehr überraschenden Enthüllungen und Wendungen zu Ende lesen. Was nicht schwer fällt in dieser dichten Geschichte, mit sprachlicher Ruhe und Intensität geschrieben. Und das die Tiefe menschlicher Empfindungen auslotet und präzise in Worte zu fassen versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2014