Kiepenheuer & Witsch 2013
Kiepenheuer & Witsch 2013

Rajesh Parameswaran – Ich bin Henker

 

Liebe anderer Art

 

Es sind durchaus Liebesgeschichten, die Parameswaran in den neun Erzählungen seines Buches vor Augen führt. Aber sein Thema ist eine Liebe der anderen Art. Weder Happy End noch offenkundige Romantik (wobei ein gemeinsamer, ganz anders gearteter „Abschied aus dem Leben“ hintergründig vielleicht doch eine Art Romantik noch in sich trägt, weder „schmachtende Lippen“ noch „zartes Begehren“ finden sich in den, sehr unterschiedlich gehaltenen, Erzählungen.

 

Eher eine „dunkle Seite“ der Liebe, die Wellenbewegung der Gefühle, die je anders ausgerichteten Bedürfnisse der beteiligten Personen (und deren inneres Erleben) sind es, die Parameswaran in sehr bildkräftiger, immer intensiver Sprache vor Augen führt.

 

Der amerikanische Schriftsteller mit indischen Wurzeln greift dabei gerne auf Persönlichkeitsmuster und Traditionen des indischen Kulturkreises zurück, auf die festen Regeln, die eigentlich gelten und doch durchbrochen werden. Auf die Tiefen des Lebens, durchaus auch.

 

Wie bei Copi, unsteter Mann, Ehemann von Manju. Einer, der seiner Frau ein wunderbares Leben in Amerika versprochen hat. Im Reden, Versprechen und das Ganze selbst glauben  ist er einfache in Meister. Bis dahin, dass seine Frau fast bereit ist, sich den unsteten Fantasiegeschichten ihres Mannes innerlich zu ergeben. Eine, die ihr leeres Gefühlsreservoir nur noch müde betrachtet. Bis sich schockierend etwas in ihrem Leben ändern wird. Während Copi längst und heimlich einen ganz eigenen Weg gegangen ist. Einer, der gerne seine Fantasien Wirklichkeit werden lässt und meint, das ginge so einfach. Er eröffnet eine Arztpraxis. Einfach so. Mit gravierenden Folgen für manch andere und doch einem Ende, dass die Eheleute ganz nah , „haut- und blutnah“ zueinander bringen wird.

 

Was sich in dieser wunderbar erzählten Geschichte bereits andeutet, findet sich durchweg im Buch. Differenzierte, intensiv beschriebene, emotional naherückende Personen in der Fremde des Lebens. Eine Intensität der Annäherung an Personen, die sich im Stil Parameswarans niederschlagen. Die „innere Welt eines Henkers“, der eher aus sexueller Not heraus (das örtliche Freudenhaus lässt ihn nicht mehr ein) aus der Ferne eine Ehefrau zu sich kommen lässt, die ihn aber nicht „heran lässt“, als sie erfährt, womit er wirklich seinen Lohn verdient, ist sprachlich ganz auf „das Personal“ der Geschichte zugeschnitten und greift die ganz einfache Denkart des Henkers im Stil vollständig auf.

 

Ein Schwerpunkt auf dem inneren Erleben, der die Rahmengeschichten teilweise fast nebensächlich erscheinen lässt. Ereignisse, die vor allem dazu dienen, die Handlungsweisen und Motive der Protagonisten noch deutlicher und klarer darzustellen. Bis hin zu  verfetteten Haaren und starkem Körpergeruch als Illustration innerer Verzweiflung und Ausweglosigkeit.

 

Hier und da bleibt dabei die ein oder andere nähere Erläuterung auf der Strecke (es wäre doch interessant gewesen, zu erfahren, was genau die neue Ehefrau an der verurteilten jungen Frau so interessant findet). In dem Nachgehen dessen, was der Alltag aus der Liebe machen kann, was an innerer Fremdheit unter äußerlich verbundenen Menschen möglich ist und wie wenig dabei beim je anderen ankommt aber vermittelt Parameswaran ein emotional dichtes Leseerlebnis, in dem Ernüchterung der stete Begleiter der Liebe ist.

 

M.Lehmann-Pape 2013