Arche 2015
Arche 2015

Ralph Dohrmann – Eine Art Paradies

 

Fast schmerzhaft präzise Beobachtung des „modernen“ Lebens

 

Vielleicht ist es ja gar nicht Walter von Quant, der ein wenig „ver-rückt“ sein könnte? Den die Nachbarn in der Laubenkolonie außerhalb der statt ganz offen als „Verrückten“ bezeichnen und den seine alten Freunde in der Stadt auch mit einem gewissen Misstrauen betrachten.

 

Klar, der Mann hat Trauer. Hat den Tod seiner Frau zu verwinden. Und das war nicht irgendein Tod, sondern eine Art von Tod, die einen Ehemann sehr wohl zerbrechen könnte.

 

Wenn er aber zu Anfang des Romans zum jährlichen Treffen mit den alten Freunden am Geburtstag seiner verstorbenen Frau in die große Stadt fährt und die Freunde, wie es sich in so vielen Kreisen so gehört, zum „feucht-fröhlichen“ ansetzen, wenn Walter den Ouzo fast hereingedrängt bekommt, wenn Gesichter speckig anfangen, zu glänzen, wenn die alltäglichen Heldentaten der Männer bei ihren Projekten lauten Raum einnehmen.

 

Vielleicht ist Walter da gar nicht der verdrehte Einsiedler, der unter seiner Pappel stundenlang sitzen kann, ohne etwas dringlich tun zu müssen? Vielleicht findet dieser Mann ja eher zu sich selbst, als das es all die Nachbarn, die lärmenden Grillpartys oder seine exaltierten Freunde vermögen?

 

In einer Welt, die Dohrmann ein ums andere Mal ernüchternd vor Augen führt. Aus den Augen eines mit sich beschäftigten Mannes, der sich erstaunt fragt, warum alle Welt den Kopf fast waagerecht gesenkt hält, um in kleine Bildschirme zu schauen und nicht mehr in die Welt oder zueinander.

 

Eine Welt, die alles auszupressen gedenkt (Fracking wird eine gewisse Rolle in diesem Roman spielen), die aber mit einem Leben neben den breiten Bahnen des Mainstream umgehend eigene Krisen bekommt. Wenn die eigene Tochter ihren Weg sucht. Wenn Walter zwei junge Leute kennenlernt, die anderes versuchen und einen anderen Plan haben und damit auch noch attraktiv andere interessieren könnten.

 

Das muss doch dann dieser Walter schuld sein. Du auch dieses Szene des immer enger werdenden Bedrängens des Mannes bis hin zum schlimmsten aller möglichen Vorwürfe an ihn, was den Tod seiner Frau angeht, ist glänzend erzählt, in beklemmende Worte und eine ebensolch beklemmende Situation gefasst.

 

Und doch scheint es hier und da, als wäre genau dieser Walter der einzig nicht verrückte (mit einigen in sich ruhenden Ausnahmen wie einem Tierarzt). Unter den Freunden, Fremden, im Blick auf den hysterisch wirkenden Pfarrer und die völlig desorientiert sich gebenden Nachbarn in der Kolonie.

 

„Nein. Ich will nicht hineingezogen werden in so eine Welt. Dein Busen interessiert mich nicht, sage ich….Deine Füße interessieren mich nicht und auch nicht die Füße anderer Frauen“.

 

Und doch, auch Walter ist nicht gefeit. Vor der kurzen Begegnung eines Augenblicks. Den seine Freunde nuten, wozu gibt es denn Wiedersehensanzeigen im Internet. Nur, dass man dann, auch als Freunde, damit leben können muss, was sich aus so was entwickeln kann.

 

Was im Übrigen auch durchaus sein Gutes haben könnte. Wenn man, wie Walter, den Dingen ihren Lauf gibt. Wenn man die Augen öffnet in und für die Welt und das nächstliegende, hilfreiche einfach bereit wäre, zu tun.

 

Dann kommt am Ende schon etwas bei heraus. Nach einem Doppelmord, einem neuen Weggefährten auf vier Pfoten und vielfachen Reibungen mit dem, was die Welt so als „normal“ versteht und in dem sie sich selbst für ungeheuer wichtig hält.

 

„Ich fühle mich niemals einsam. Aber viele Menschen können nicht einfach so dasitzen und nichts tun….Aber mit den Jahren habe ich gelernt, alleine zu sein. Einfach da zu sein“.

 

 

Ein sprachlich reduzierter, auf den Kern gebrachter, sehr genau den Alltag beobachtender und fassender Roman, der sich dennoch flüssig liest, der Aufgeregtheiten in seiner Hauptperson vermiedet und gerade dadurch die vielen Aufregungen der Welt sich an diesem Walter brechen lässt. Und Seite für Seite herausschält, dass Freiheit, Glück und Liebe nicht im digitalen Nirwana verloren gehen müssen. Auch wenn nicht jeder, wie Walter, mit der Axt nachher Handys spalten muss

 

M.Lehmann-Pape 2015