Ullstein 2012
Ullstein 2012

Ralph Dohrmann - Kronhardt

 

Persönliche und gesellschaftliche Entwicklungsgeschichte

 

„Und er spuckte diese Worte aus, und mit der Erinnerung an seinen Bruder zerquetschte er Willems Tränen. Tot ist er, dieser Vater. Tot, tot, tot! Tot, das heißt für immer. Tot, das heißt nie wieder“.

 

Und Willem, der bereits in diesen kindlichen Jahren gelernt hat, nach außen anders zu tun, als er nach innen empfindet, müht sich einmal wieder, anders zu scheinen als „in Wahrheit“.

 

Doch die Geschichte mit dem Tod seines Vaters, die seinen Onkel Kronhardt, den Bruder seines Vaters und seit längerem neuen Ehemann seiner Mutter, zu besagtem Ausbruch brachte, wird noch lange nicht zur Ruhe kommen. Auch wenn Willem davon erst viel später noch einmal und neu erfahren wird.

 

Jener Willem, der Anfang der 50er Jahre in Bremen still versucht, seinen Platz in dieser Welt zu finden. In der Welt des elitären „Dritt-Reich“ Denkens seiner Mutter. In einer Welt, die erste Anzeichen von Veränderungen in sich trägt.

„Kommunisten an den Universitäten“, die zersetzendes Gedankengut in die jungen Menschen hineinlegen, wie Onkel Kronhardt deutlich meint. Unterstützt von der deutschen Industrie, die jede Menge erotisches Spielzeug beginnt, auf den Markt zu werfen, so dass Kronhardts angestellte Näherinnen tatsächlich glauben, sie hätten eigene, weibliche Rechte.

 

Was Wunder, dass jener Kronhardt sich anbuhlt an Willem, diesen zu seinem Publikum, zu seinem Bewunderer erziehen will. Mit innerlich nur mäßigem Erfolg und späterhin mit durchaus noch dramatischen Folgen. Als Willem viel älter ist, durch die wechselnden Jahre der Republik gewandert ist, auf der Suche nach und zu sich selbst ohne sich wirklich zu finden. Weder in der familieneigenen Nähfabrik, noch in den studentischen Kreisen der 68er Jahre. Doch als er irgendwann versteht, dass der Tod seines Vaters kein Zufall war, spürt er auf dem Weg der Aufdeckung der Hintergründe endlich auch ganz sich selbst.

 

Ein Entwicklungsroman im engeren und weiteren Sinne ist es, den Ralph Dohrmann in ganz eigener, wie ein starker Strom vor sich hin fließender Sprache auf gut 900 Seiten vorlegt. Ein Familienroman mit dunklen Seiten, eine Zeitgeschichte, welche die gesamte Entwicklung Deutschlands von den Nachkriegsruinen über das Wirtschaftswunder, über die Veränderung der Geisteshaltung in den 60er Jahren bis in die Moderne und wieder zurück trefflich ausleuchtet.

 

Ein Entwicklungsroman was die Hauptperson Willem und seine Geschichte angeht im engeren Sinne. Ein Entwicklungsroman, was das Leben in Deutschland angeht im weiteren Sinne. Und das in einer Sprache, die in großer Breite all diese Ereignisse und Phänomene vielfältig beschreibt, die immer wieder Blicke in alle Richtungen wirft, ohne den roten Faden zu verlieren und die durchaus auch gewöhnungsbedürftig ist in der ständig indirekten Rede und den kleinen Wortspielen und Ereignissen.

 

Alle Themen sind bereits zu Beginn des Buches gesetzt. Der Muff der Unverbesserlichen, die Sucht nach Einfluss und Reichtum, das „alte“ System in Person des Rektors und der Lehrerin, das „neue“ Denken in Person des Erdkundelehrers, die verschiedenen Haltungen zum Leben in den Personen der Mitschüler, Migrationsthemen und Arroganz anhand des ersten türkischen Mitschülers und seines Vaters und der Weg der „inneren Emigration“, den nicht nur Willem damals in Bremen gehen musste, um der einengenden „Erziehung“ zu entgehen.

 

So gelingt Ralph Dohrmann sprachlich wie in der von ihm vorangetriebenen, mehrschichtigen Geschichte eine Verbindung von Lokalkolorit in Bremen, von einer genauen Nachzeichnung der inneren Entwicklung in Deutschland nach dem Krieg und ebenfalls der Reifung und eines „zu sich selber Findens“ in langen Jahren seiner Hauptperson Willem. Eine sehr empfehlenswerte literarische Reise durch die Jahrzehnte,

 

M.Lehmann-Pape 2012