Ullstein 2014
Ullstein 2014

Rax Rinnekangas – Der Mond flieht

 

Lebensfreude, Liebe, Drama und Trauer

 

13 Jahre alt ist Lauri, als sich sein Leben verändert. Innerlich. Von jetzt auf gleich fast, in einem sehr komprimierten Ablauf.

 

Latvala, das Dorf in Finnland, in dem Lauri seinen Sommer verbringt. Bei seinem Onkel. In einer Familienkonstellation, die lange vor seiner Zeit einen tiefen Bruch erfahren hat.

 

Lauris Großvater hat, einfach so, nach dem Tod seiner Frau, seine Kinder verlassen. Diese ausgesetzt, „dem Dorf anvertraut“  und sich der Fremdenlegion angeschlossen. Nun ist er seit Jahren wieder da. Im Dorf. Hat sein Recht auf das Haus genommen, eine Firma aufgebaut, lebt ganz für sich inmitten einer tief frommen Gemeinschaft, deren Tagewerk aus Arbeit und Gebet und Radiogottesdiensten besteht. Alles ist festgefügt, alles ist klar, alle Beziehungen stehen fest.

 

Nicht aber bei den Kindern. Sonja, die Mutige, die Anführerin, die Abenteuerlustige.

Leo, Sonjas Bruder, der sich mitreißen lässt in die Magie der Erlebnisse, das Klettern auf den Bäumen, der die Nähe genießt.

Und eben Lauri, Cousin der beiden und Teil des Triumvirats.

 

Eine innige Nähe, die körperlich werden wird. Erste, tastende Gefühle, die schnell überborden können, in die ein oder andere Richtung. Ein Erleben, welches Rinnekangas mit schlichten Worten in intensiver Atmosphäre fassbar und fühlbar zu vermitteln versteht. Emotionen, die den Leser umgehend erinnern an seine eigenen, ersten Schritte ins erwachsene Leben, in die Pubertät.

 

Gefühle, die ebenso verantwortlich sind für ein Drama, für einen unglaublichen Fluss der Trauer im zweiten Teil des Buches, der ebenso ertragen, verarbeitet werden muss.

 

„Alles geschah wir im Traum. Leo sah mich bestürzt an, ich fing an zu schreien“.

 

Nähe, Geheimnis, Drama, Distanz, Versuch der Nähe und ein fliegender Stein, eine ganze Welt des emotionalen Erlebens breitet Rinnekangas vor den Augen des Lesers aus und stellt diesem in einer einzigen und doch tief  nachhaltigen Sequenz die Abgeklärtheit des Lebens gegenüber. Als der Großvater ein einziges Mal mit Lauri sprechen wird.

 

„Er lachte über seine Erinnerungen, die ihm nicht mehr weh taten“.

 

Lernen, Entscheidungen zu treffen. Für sich. Eine Haltung und einen Weg zu finden durch alle auch harten Momente des Lebens hindurch, das steigt in den Vordergrund des Romans.

 

„Denn der Tod liebkoste und trug sie. Zwischendurch kam der Tod auch zu mir und streichelte mich, dann kehrte er wieder zurück, um die anderen in der Schwebe zu halten“.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014