Blessing 2011
Blessing 2011

Rebecca Stott – Die Korallendiebin

 

Paris, Liebe und Naturwissenschaften

 

Das hatte sich Daniel Connor anders vorgestellt, als er sich auf den Weg von Edingburgh nach Paris macht. Der noch junge Zweig der Naturwissenschaften über die „Vielfalt und Entstehung der Arten“ treibt ihn nach Frankreich. Bei Georges Cuvier möchte er seine Kenntnisse vertiefen, wenn der berühmte Forscher ihn als Begleitung akzeptieren sollte.

 

Frohgemut ist er  auf den Weg. Eine Reise, die sich gut anlässt, denn auf der letzten Etappe ist eine schöne, gebildete und attraktive Frau seine Reisebegleiterin. Frankreich eben, Paris eben. Doch sein Erwachen ist jäh. Irgendwie muss die Frau ihn in den Schlaf versetzt haben. Schlimmer noch, seine Mitbringsel, eine ganz besondere Koralle und ein Mammutknochen, sind ebenso verschwunden wie seine wissenschaftlichen Aufzeichnungen, Ohne diese seltenen Fossilien mit ihrer besonderen Aussagekraft über die Vielfalt  der Arten aber stehen die Chancen sehr gering, dass ihn der bekannte Wissenschaftler auch nur anhört, vor weniger ihm einen Platz in seinem Umfeld einräumt.

 

Daniel taucht ein in die Strassen von Paris, auf der Suche nach seinem Hab und Gut und damit auf der Suche nach der Frau. Die im Übrigen keine Unbekannte im Paris des Jahres 1815 ist. Lucienne Bernard ist eine gesuchte Diebin, keinesfalls aber im gewöhnlichen Sinne. Mit Geschmack und Bildung sucht sie sich ihre Beute und verfolgt dabei durchaus noch andere Ziele als nur die einer persönlichen Bereicherung.

 

Natürlich findet Daniel Lucienne, eher gesagt, sie findet ihn und das nicht nur einmal. Trotz seiner wissenschaftlichen Vorsätze, er kann sich der Faszination der Frau nicht entziehen und gerät mehr und mehr in ihren Sog und damit auch in das Visier der Polizei, die unerbittlich Jagd auf die schöne Pariserin macht und nun auch ihn zur Fahndung ausschreibt.

 

Was diesen Roman heraushebt aus einer Reihe ähnlich angelegter Herz-Schmerz Geschichten ist nicht zuletzt der wissenschaftliche Hintergrund des Buches (neben der sprachlich hervorragenden Erzählweise der Autorin und der durchaus besonders konstruierten Liebesgeschichte). Die Frühphase der Artenforschung nimmt im Buch einen nicht unerheblichen Raum ein, genauso, wie es der Autorin gelingt, die wissenschaftliche  und kulturelle Aufbruchphase jener Zeit an sich spannend und sachlich fundiert immer wieder in die Abfolge der Geschichte mit einzubauen.

 

Ebenso, wie das gesamte Flair jener „Tage des Aufbruchs“ und der Faszination des Paris zu Beginn des 19. Jahrhunderts seine Rolle im Buch spielt. Einerseits noch kriegsgeschlagen, im Umbruch, mit Dreck und Armut versehen, schillert doch an vielen Orten die kulturelle Vielfalt, die Lebenslust und die beginnende Forschung von Weltruf in der Stadt hindurch. Eine ganze Welt im Entstehen, das prägt diese geschichtsträchtigen Jahre. Diese Aufbruchstimmung in Kultur, Wissenschaft und Lebensart hat Rebecca Stott  atmosphärisch Dicht im Buch eingefangen. Nicht zuletzt die Figur der Lucienne verbindet in sich diese neue Zeit mit ihrem freien Lebensgefühl, ihrer unstillbaren Neugier und ihrer Bildung.

 

Andererseits finden sich auch Längen im Buch, vermeintliche Spannung hält selten, was sie ankündigt und manche der Figuren bleiben recht blass neben der spannungsreich gezeichneten Lucienne. Dennoch bietet das Buch durchaus anspruchsvolle Unterhaltung in einer bilderreichen Sprache und in intensiver Atmosphäre von Zeit und Ort der Handlung.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Rebecca Stott

 

Jahrgang 1964, arbeitet in Cambridge als Professorin für Englische Literatur an der Anglia Ruskin University und als Scholar am History and Philosophy of Science Department. Sie hat eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten und populärer Sachbücher verfasst.

 

(Quelle: Blessing Verlag)