Hanser 2013
Hanser 2013

Reinhard Jirgl – Nichts von Euch auf Erden

 

Zerstörung und ihre Folgen

 

Auf der einen Seite verlegt Reinhard Jirgl die Handlung seines Romans in eine (noch) entfernte Zukunft, auf der andern Seite aber sind es aber durchaus aktuelle Themen des „gesellschaftlichen Seins“ (Gier, Lethargie der Masse, Experimente am Genmaterial, Aggressivität dem „Fremden“ gegenüber), welche Jirgl pointiert und logisch weiter entwickelt vorlegt, anderseits bereits mehrfach geschehene historische Prozesse (die britannische „Auslagerung“ unerwünschter Elemente nach Australien, der Exodus ganzer Volksgruppen nach Amerika in der Kolonialzeit), die sich wie eine Blaupause durch den Roman ziehen.

 

Energiemangel, Ressourcenerschöpfung, kapitalistische Gier, all dies führte, eigentlich wie gewohnt bei der Gattung Mensch, zum Einsatz von Truppen, zum Krieg aus Hunger, zur Zerstörung an der Wende vom 21. zum 22. Jahrhundert der Zeitrechnung im Buch (wobei „21. Jh.“ die Jahre ab 2100 bezeichnet usw.).

 

„Mensch aber wäre nicht-Mensch wüßt er sich nicht immer zu trösten“.

 

Von der Erde hinweg wird die Lösung der Probleme gesucht, zunächst Kolonien auf dem Mond eingerichtet, später dann Expeditionen und Auswanderung zum Mars gestartet.

 

Die Erde selbst verbleibt „in Stille“. Und das mit Grund. Gen-Experimente auf dem Mond, das „Detumeszenz Gen-Umgestaltungsprogramm“ feiert einen Durchbruch, Aggressionstendenzen wurden so genetisch beigelegt. Wobei bedauerlicherweise das Gen , trotz strenger Sicherheitsvorschriften, die Erde erreichte. Still also ist es auf Erden. Jede Volksgruppe lebt für sich und bei sich, Wandel und Veränderung sind Tabu, innere Antriebe fast völlig zum Erliegen gekommen und einzelne, voneinander abgegrenzte Bereiche, „Imagosphären“, bilden den Lebensraum einer anspruchslos vor sich hin lebenden jeweiligen Bevölkerung, zwischen denen es keinen Kontakt und keinen Austausch mehr gibt.

 

Ein Gen im Übrigen, was die Auswanderer zum Mars nicht in sich tragen. Dort ist „unverfälschte Menschheit“, aggressiv, gewinnorientiert, wie gewohnt eben. (Eine Auswanderung im Übrigen, die vom Transport her eher wirkt wie die Verbringung in ein Straflager denn wie ein Weltraumabenteuer). Keine jubelnden Massen begleiten die Starts der Raumschiffe.

 

Doch nun werden beide Welten aufeinanderprallen. Die Dinge laufen nicht optimal auf dem Mars, wirklich dauerhaft wird der Mensch dort wohl keinen Fuß fassen. So hat eine erste Gruppe von Botschaftern die Aufgabe, die Erde zu besuchen und dort die „Rückkehr“ der Marsbewohner vorzubereiten. Mit einem verdeckten, aber ganz klaren Plan der „Inbesitznahme“ der Erde, um die Lebensweise derer vom Mars dort weiter führen zu können.

 

Analogien, wohin man schaut, kann man sagen. Sei es, dass, wie ein Rezensent bemerkt, hier wieder das tragende Thema Jirgls mit hineinspielt, die Auflösung der DDR (antriebslos) und deren „Übernahme“ durch den Westen (mit einer Mars-Mentalität), sei es, dass der aktuelle Zustand der kapitalistischen Wirtschaft und der Plünderung der Ressourcen sich im Buch stringent logisch weiter entwickelt und damit Jirgl einen deutlichen Finger auf die Wunde der Verantwortungslosigkeit und der Egozentrik der Gattung Mensch legt.

 

Eine fremd-vertraute Welt ist es, die Jirgl entfaltet mit angedeuteten, möglichen Lösungen im Menschen selbst, mit den immerwährenden Gefährdungen der Gesellschaft durch das Handeln einzelner oder kleinerer Gruppen. Nicht immer sprachlich flüssig oder spannend, sicherlich auch mit der ein- oder anderen (teils ausgedehnten) Länge versehen.

 

Wie immer man nun auch die Analogien im Buch verstehen mag, eines ist deutlich. Jirgl ist auch mit diesem Buch einer der „Rufer in der Wüste“. Einer, der mit offenen Augen die Gefahren der Zeit sieht, der seiner Verzweiflung über die „antriebslose Masse“ und die Verhaftung in immer wieder gleichen Abläufen anmahnt. Einer, der in einer ganz besonderen, sprachlichen Form (die Sprache im Buch ist verfremdet, der Zukunft gegenüber angepasst) den Menschen in seinen Möglichkeiten wachrütteln will.

 

Im sprachlichen Stil und den ineinander verlaufenden Erzählfäden ist der Roman nicht immer einfach zu lesen, entschädigt für diese Mühe aber mit einer intensiven Atmosphäre und dem Hineinziehen des Lesers in diese mögliche, nicht sonderlich anstrebenswerte, menschliche Welt der Zukunft. Die in der ein- oder anderen Form real werden könnte, wenn nicht tatsächlich Veränderungen stattfinden und Platz finden können. Gerade in der breiten, trägen Masse, die sich, auch im Roman, viel zu wenig wehrt, viel zu wenig bereit ist, gestaltend einzugreifen und viel zu sehr einfach „vor sich lebt“. Sehr lesenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2013