C.Bertelesmann 2013
C.Bertelesmann 2013

Renate Dorrestein – Stiefmuttertag

 

Unterhaltsames Patchworkportrait aus drei Perspektiven

 

„Während sie prüfend die Regale mit den Sandalen abgeht, fühlt sie die Blicke der Verkäuferinnen auf sich. So groß, und dann auch noch so dick, na, die traut sich was“.

 

Wobei es an sich sowieso sinnlos ist, Claire weiß eigentlich schon vorher, dass sie ob ihrer Schuhgröße, wie immer, in die Herrenabteilung zu gehen hätte. Stattdessen betritt sie lieber einen kleine, obskuren Laden, dessen Besitzer Alfred sich als Vampir geriert und in dem kleinen Ort in England, and dem Bram Stoker mal auf einer Bank gesessen hat, das Erbe des Schriftsteller hoch hält. Eine interessante Bekanntschaft wird sich da knüpfen, wie Claire feststellen muss. Die vertiefen wird. Mit ihrer akuten Augenentzündung, die vielleicht daran liegen könnte, dass es da etwas gibt, wo sie lieber nicht so genau hinschauen möchte,

 

Die mit ihrem Ehemann leicht zerstritten ist. Eigentlich sollte dieser aus dem heimischen Holland mit in England sein zur Ausstellung und Preisverleihung an Claire, deren Quilts hervorragend Anklang finden.

 

Eine echte Walküre, im Übrigen, die sich nicht so leicht ein X vor ein U machen lässt, die geradeheraus mit gesundem Menschenverstand und energisch „das Leben verschlingend“ die Dinge angeht. Genauso hat sie ihren Mann kennengelernt, der ihr als Makler ein Atelier verkauft hatte. Und mit diesem Mann (dessen Anzüge sie zunächst aber wirklich verbrennen musste) tauchte vor 12 Jahren auch Josefine mit auf. Damals vier. Tochter von Alex, ihrem Mann. Dessen Ehe auseinanderging. Josefien, die zwar bewusst fast nur Claire an der Seite ihres Vaters erlebt hat, aber da sich der neue Mann ihrer leiblichen Mutter von dieser ebenfalls gerade getrennt hat, kann man ja als 16jährige mal davon träumen, dass das wieder in Ordnung kommt mit den leiblichen Eltern.

 

Vor allem, weil sie ernsthaft Mist gebaut hat, bei dem Claire ihr geholfen hat. So geholfen, dass Claire jetzt bei Axel unter Verdacht steht. Claire hält dicht und verrät Josefien nicht, aber dafür ist es nun mit Axel schwer. Und erinnert werden möchten Josefien nicht gerade ständig. Und Claire ist die leibhaftige Erinnerung.

 

Alles Komplikationen, die die Welt nicht braucht. Denkt sich Claire und genießt ihre Zeit in England. Und fährt erst mal nicht zurück. Was Axel völlig irritiert. Und als der sich dann noch das Steißbein bricht und eine vermeintliche Vodoo Puppe findet, nehmen die Verwicklungen erst so richtig Fahrt auf.

Bis Claire den „Stiefmuttertag““ einläuten wird und Köpfe waschen wird.

 

Nicht ganz trifft es der Klappentext, ein echtes Biest ist Josefien letztlich nicht und wirkliche Intrigen führt die Stieftochter auch nicht ins Feld. Wohl aber versteht es Dorrstein mit großer Liebe zu ihren Figuren (allein Claire in ihrer äußeren Erscheinung und ihrer ganzen Lebenshaltung, auf so eine muss man erst mal kommen), die realen Schwierigkeiten einer Patchworkfamilie herauszustellen. Ein Vater, der seiner Tochter nichts abschlagen will, der nur beschützten will bis zur Lächerlichkeit. Eine pubertierende Tochter, die nicht unbedingt gerne für eigene Fehler einsteht und eine burschikose Stiefmutter, die lange genug den „Eiertanz“ vollführt hat und merkt, so wird das nichts.

 

Je aus der Perspektive von Claire, von Axel und von Josefien erzählt Dorrestein ihre Geschichte, führt mit trockenem Humor und durchaus Sarkasmus differenziert in die Figuren ein und stellt dabei nicht nur ihr Thema der Binnenbeziehungen heraus, sondern zeigt zugleich, wie das Leben es einfordert, nicht herumzueiern, sondern klare Linien mit gesundem Menschenverstand und Selbstvertrauen zu ziehen. Samt Seitenhieben auf Spießigkeit und Schlankheitswahn.

 

In lockerer Sprache, sehr unterhaltsam und mit vielen kleinen Ideen am Rande noch bietet das Buch anregende Unterhaltung und viel Augenzwinkern bis zu Klärung der Verhältnisse.

 

M.Lehmann-Pape 2013