Hanser 2015
Hanser 2015

Richard Ford – Frank

 

Abgeklärter Blick aufs Leben

 

68 ist Frank inzwischen. Und alles geht, naturgemäß, ein wenig langsamer. Am neuen Wohnort. Ruhig und still, im Hinterland gelegen. Vom letzten Hurrikan blieb er eindeutig verschont, auch wenn sein noch scharfes Auge natürlich den Betrieb im Home Depot Markt wahrnimmt.

 

„Alles ist unterwegs zu irgendeinem Domizil, dass nach dem Hurrikan noch steht – aber mit Schlagseite……. Das allgemeine Motto lautet: Wir kommen zurück“.

 

Und ist das nicht ein Motto fast der Zeit selbst, in Amerika? Nicht nur, was Hurrikane und schiefe Häuser angeht (das alte Haus von Frank selbst liegt gar auf der Seite). Schon hier, zu Beginn, in diesen lakonischen, durchaus hier und da ins Zynische übergleitenden, staubtrockenen Kommentaren dieses Frank (der dennoch das Herz auf dem rechten Fleck hat, wie er noch mehrfach zeigen wird) wird deutlich, wie sehr Richard Ford konkrete Ereignisse, Dinge des Alltages, Verhaltensweisen der Menschen zielgenau und treffend beschreibt und dennoch vieles Grundsätzliche im Hintergrund mitschwingen lässt.

 

Wenn er seine „Persönliche Liste von Wörtern“ anlegt, weil ihm der exzessive Gebrauch der Sprache mit ihren vielfachen „Assoziationen“ (was alles gemeint sein könnte, wenn einer „Kein Thema“ sagt und was eigentlich dem Wortsinne nach gemeint wäre und wie liederlich die Alltagssprache verkommt).

 

Und dann noch dieses unangenehme Gespräch mit Arnie, dem Frank vor Jahren sein Haus am Meer verkauft hat (jenes, dass nun auf der Seite liegt). Und der, vordergründig, eine kleine Maklerberatung anfragt. Aber hintergründig vielleicht doch ein Publikum nur braucht? Nicht nur für das Haus, auch für diesen „modernen“ Lebensstil, sich mittels der Schönheitschirurgie zumindest äußerlich 30 Jahre jünger gemacht zu haben (was innerlich gar nicht und äußerlich eigentlich auch nicht funktioniert hat, wie Frank feststellt, aber, als höflicher Mensch, natürlich  nicht aussprechen würde).

 

Und wie Arni trifft Frank auf einige andere Personen und kommt in Gespräche und Situationen, in denen das grundlegende des modernen, menschlichen Seins weiterhin und anregend erzählt mitschwingt.

 

Der Wert der Erinnerungen alleine schon, was so ein Leben letztlich ausmacht. Und auch hier bewährt sich Franks lakonische Sicht der Dinge, die trotzt ihrer knappen Sprache das grundsätzliche Nachdenken widerspiegeln.

 

Ob er es schwer gefunden hatte, den Wohnort zu wechseln?

 

„Nein. Es war das Einfachste der Welt. Die meisten, die ich von früher kannte, sind entweder weg oder tot. Ich hinterlasse kaum noch Spuren – was ich befriedigend finde. Unsere Möglichkeiten, Spuren zu hinterlassen, sind begrenzt“.

 

Und doch geht es vielfach und vielen genau darum. Spuren zu ziehen, auf sich aufmerksam zu machen, zu bewahren, zu kontrollieren, selbst in der Immobilienkrise, die auch Franks Nachbarn betrifft, zu versuchen, kontrollierend und souverän zu wirken.

 

Wobei doch alles nicht nur gerade durch Naturgewalt, sondern auch sprichwörtlich „am Boden liegt“. Vergeht, zerstört ist, die „Felle wegschwimmen“.

 

Auch das mag ein Bild für den Eindruck sein, den Richard Ford von der Moderne mehr und mehr gewinnt. Dass die Fassaden auf Teufel komm raus bewahrt werden. Lieber wind schief als loslassen müssen.

 

Was in diesem Roman weder in eine Persiflage abgleitet, noch rein zynisch dargestellt vorliegt. In munterem Plauderton lässt Ford durch seinen „Frank“ jederzeit Empathie mit schwingen, zeigt die rührenden, sympathischen, auch verdrehten Seiten der Begegnungen, der Menschen und deren Lebensstationen, von banal bis schwerstwiegend (wenn ein Mord das eigene Leben erschüttert hat).

 

Ein sehr flüssig verfasstes, tiefgehendes Buch, lebendig in jeder Zeile und dem Leben. Mit der nötigen kritischen Distanz des Alters die Dinge betrachtend, nicht aber völlig abgeklärt dem Leben entgegen tretend, sondern auch mit den vielen warmen Gefühlen, Erinnerungen versehen und mit dem Bedauern, dass alles einfach endlich ist.

 

Eine lebenskluge, teils wunderbar komische, immer aber berührende Lektüre.


M.Lehmann-Pape 2015