C.Bertelsmann 2013
C.Bertelsmann 2013

Richard Mason – Die geheimen Talente des Piet Barol

 

Nutznießer und Benutzter

 

Der Plan des Piet Barol ist eigentlich ganz einfach. Seine eigentlichen Talente nutzen, nicht vorhandene Talente erst einmal einfach behaupten und damit soviel Geld machen, dass er sich seinen Traum erfüllen kann, nach Amerika auszuwandern. Wird schon gut gehen, denkt er sich, auch wenn ihm manchmal Angst und Bange werden wird. Denn nicht jeder und jede fällt auf seine schöne Fassade herein und zumindest eine wird ihn auf dem Rücken eines Pferdes sehr auf die Probe stellen. Interessanterweise, gar nicht einmal mit jenen Folgen des „Enttarnt Werdens“, die Piet befürchtet hätte. Louse, die misstrauische Tochter aus dem Haushalt, in dem Barol tätig ist, kann sich eben auf Dauer auch nicht wirklich seinem einnehmenden Wesen entziehen. Auch wenn Barol das mit viel Berechnung einsetzt. Er ist eben ein „Hochstapler mit Tiefgang“ nicht einfach ein Hallodri.

 

„Die Abenteuer seiner Jugend hatten Piet Barol gelehrt, dass die meisten Freuen und viele Männer ihn über die Maßen attraktiv fanden“.

Das ist sein Talent. Gepaart mit ein wenig geübtem Klavierspiel, besten Umgangsformen und dreisten Übertreibungen, was seine weitergehenden Fähigkeiten angeht, nimmt Piet Barol eine Stelle als Hauslehrer im Amsterdamer Haus des gut gestellten Hotelieres Maarten Vermeulen-Sickert an.

 

Ein Mann, der Gott einen Schwur gegeben hat. Unter dem seine Frau deutlich leidet, ohne es zu zeigen. Mit einem Sohn, der durch Geister seiner Fantasiewelt bedrängt wird.. Ebenfalls, ohne dies klar ausdrücken zu können. Das Haus aber nicht zu verlassen vermag. Diesen Sohn soll Piet Barol „heilen“, ihn wieder als soziales Wesen zum „funktionieren“ bringen.

 

Nicht, das Piet das nicht versuchen würde. Zunächst mehr oder weniger motiviert. Allerdings ist er in der Hauptsache damit beschäftigt, sich der einen Verehrer (durchaus auch männlichen Geschlechtes) zu erwehren und sich jenen intensiv als erotischer „Diener“ zu widmen, die ihn selbst in den Bann ziehen. Erotische Fantasien und Handlungen, die Mason als rein menschlich darstellt  und aus der inneren Sicht der Personen umfassend vor Augen führt.

 

So entsteht, sprachlich wunderbar flüssig und ohne Scheu auch vor direkten, sexuellen Szenen, ein munterer Reigen vor den Augen des Lesers von Querverbindungen, Sehnsüchten, Hoffnungen, nicht erfüllten Erwartungen, von Zielen und Einschränkungen (gerade für Frauen), von Risiken und geschäftlichem Umgang und Mut.

 

Vielfach wechselt Mason bei seiner Schilderung die Perspektiven und beleuchtet so das Leben im Haushalt aus vielen Richtungen, bei denen er Wert darauf legt, auch Nebenpersonen jeweils mit eigenem Leben zu füllen. Der Butler des Hauses kommt so ebenso zu „seinem Recht“ im Buch wie der Hausdiener Didier, mit dem sich Piet auch schon einmal eine Badewanne teilen wird (ohne zu ahnen, was dabei alles an Fantasien freigesetzt werden kann).

 

Trotz der Perspektivwechsel verliert Marten in seinem leichten Stil den eigentlichen roten Faden nie aus den Augen. Wie Menschen in verschiedener Weise ihre (teils stillen, teils geheimen) Sehnsüchte ins Leben bringen, wie dies sich hier und da auch selbst schöngeredet wird und wie unterschiedlich das alles sein kann. Und dennoch ein großes Ganzes ergibt.

 

Entwicklungen, in denen auch Piet das ein oder andere Mal seinen strikten Plan gefährdet.

„Er würde kein Risiko eingehen, bevor er genügend Geld zusammengespart hatte, um seine Ziele in die Tat umzusetzen“.

Eine Scheu vor dem Risiko, die schon kurz nach seiner Ankunft im Haus ad Acta gelegt werden wird.

 

Richard Mason ist ein unterhaltsamer und feinsinniger Roman über die Suche nach dem Glück trotz und gegen Einschränkungen,  „mangelndem gesellschaftlichen Hintergrund“ und den Risiken des Lebens gelungen, der sowohl in seinem „Personal“, wie vor allem in seiner Hauptfigur und den fein gesponnenen Abläufen der Geschichte überzeugt.

 

M.Lehmann-Pape 2013