dtv 2012
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Rita Falk - Hannes

 

Lebensfreundschaft

 

„Dein Blut läuft langsam in den Rinnstein und nimmt mein Herz mit sich“.

 

Briefe sind es, welche die Form dieses Buches von Rita Falk ausmachen. Briefe, Aufzeichnungen, in denen Uli, wie all die Jahre zuvor, ganz in alltäglicher Sprache, mit seinem Freund Hannes „redet“. Jener Hannes, der nach einem Motorradunfall im Koma liegt.

 

„Heute ist der Jahrestag. Es ist auf den Tag und die Stunde genau dieselbe Zeit“.

 

Uli war dabei, beim Unfall. Das ganze Jahr über schreibt Uli nun sein Leben auf, lässt seinen Freund, in Gedanken zumindest an all dem teilhaben, was ihm passiert, an den Wichtigkeiten. Will ihn zurückholen, nicht gehen lassen, am Ende der „Dursttrecke“ auf den aktuellen Stand seines eigenen Lebens bringen.

So, wie er am „Montag, dem 8. Mai den besten Sex“ seines Lebens erlebt hat. Mit Frau Dr. Redlich. Aber auch seinem Schmerz gibt er Ausdruck, sein Leid über den Zustand des Freundes. „Der Mai ist jetzt fast rum und du liegst da und merkst es noch nicht einmal. Riechst nicht den Flieder oder den Regen, der jetzt ganz anders riecht als sonst“.

 

So verschmelzen im Buch die verschiedenen Themen zusammen in immer mitschwingender Emotionalität. Wie einer mitten aus dem Leben gerissen wird. Wie wichtig Freundschaft ist. Wie einer nicht aufgibt, nicht locker lässt und dennoch sein Leben weiterlebt. Weiterhin aber mit dem Freund innerlich an seiner Seite.

Und natürlich lebt das Buch auch von der Spannung, ob sich am Zustand des Hannes noch etwas ändern wird, ob das Leben noch einmal zurückkehrt.

 

Und noch ein Weiteres dringt allmählich durch die Seiten des Buches. Dass eben nicht nur jener Uli wesentlich und wichtig für den komatösen Hannes ist, sondern dass diese Freundschaft auch in diesem Zustand keine Einbahnstrasse bleibt. Dass Uli sehr genau einzuschätzen weiß, wie Hannes reagieren würde und daher ein echtes Gegenüber findet.

 

„Es war ein gutes Jahr. Vielleicht unser Bestes“.

Und noch eins wird auf Dauer gelten, nach diesem unglaublich mitreißendem inneren Erleben: „Denn ich werde bei Dir sein, wo immer du bist, mein Freund“.

 

Wer das alles zu wem sagt, wie die Geschichte ausgeht, wie sehr sie das Leben verändert, das alles sollte der Leser selbst nachlesen in diesem tatsächlich zu Herzen gehendem Stück einfacher und tiefgehender Freundschaft, die auf eine ganz besondere Art dieses Jahr erlebt.

 

Vielleicht gilt dann für den Leser auch, was Uli resümieren wird.

 

„Langsam habe ich begriffen, dass ich sie auch für mich geschrieben habe. Den Alltag wiederzufinden. Das auf und Ab, das Hoffen und Bangen, den Schmerz und die Lust. Und die Menschen, die dazu gehören“.

 

Ohne Pathos, in klarer, einfacher Alltagssprache, mit durchaus auch deftigen Flüchen garniert, nimmt Rita Falk den Leser mit au eine Reise in das Innere des Lebens und den Wert der Freundschaft, bei dem die Augen des Lesers hier und da nicht trocken bleiben werden.

 

M.Lehmann-Pape 2012