Hanser 2018
Hanser 2018

Wie mit leichter Hand, empathisch, eindringlich

 

Das all die kleinen Portraits im Werk, die sich zudem zu einem dichten Ganzen verweben, die dem Leser die einzelnen Personen in ihrem  Kern nahebringen, ohne dabei seitenweise in die Breite zu erzählen und das am Ende eine komplexe Beziehungsgeschichte einer ganzen Ortschaft entsteht, dass all dies so einfach und leicht erzählt scheint, dass zeigt das erzählerische Talent Seethalers deutlich auf.

 

Denn beileibe nicht simplifiziert ist es, was er über die vielen Personen, die ihren ganz persönlichen Rückblick „aus dem Feld heraus“ mitteilen, darzustellen weiß.

 

Mit leichter Hand, umgangssprachlich, nahe am Leben, ohne vordergründig zu psychologisieren, bringt Seethaler mit den vielfachen Rückblicken das „ganz normale Leben“, die Hoffnungen, Sehnsüchte, Enttäuschungen, Lieben, Trennungen, Egomanien und Zuwendungen zu anderen zur Sprache. Die alle miteinander verwoben sind am Ende und in dieser Ganzheit die Komplexität der sozialen Gruppe bestens beim Leser verankert.

 

Das Feld am Rande der Ortschaft, wenig ertragreich, eher unnütz, brachte dem Besitzer doch noch einen Gewinn. Als er es zu Friedhofszwecken an die Gemeinde veräußert.

 

Und dort liegen sie. Die Vielen. Seite an Seite. Und halten Rückschau aus dem Grab heraus, berichten bis zu ihrem eigenen Tod, der auf vielfältige Weise natürlich kam. Alter, Krankheit, Unfall. Und je ein Leben der ganz eigenen Art beendete. Das mit den anderen Leben, die „nebenan“ dort liegen, zusammenhing. Mal im Guten, mal in Gegnerschaft, mal verkannt, mal nicht wertgeschätzt. Mal ein stilles Leben, das dennoch Kraft besaß, mal ein lautes Leben, das mit Schuld zu leben und zu sterben hatte.

 

Wie Heiner Joseph Landmann, langjähriger „Rekord-Bürgermeister“ der kleinen Stadt Paulstädt. Dessen Vater, ebenfalls Bürgermeister, nicht eine Armlänge weiter von ihm auf dem Feld liegt. Doch: „so nah sind wir uns im Leben nie gekommen“. Oder doch? Denn Landmann eifert vor allem doch seinem Vater nach, will diesen übertreffen, reibt sich ein Leben lang an dieser Distanz zum Vater. Und bildet in sich den „modernen Politiker“ ab, der mit allen Wassern gewaschen ist und seine Machtspiele und politischen Ziele samt kleiner und großer „Schmierereien“ offensiv verteidigt. Und doch am Ende nicht loskommt von der Schuld, die er mit einer dieser „Mauscheleien“ auf jeden Fall verursacht hat. Offensiv, auch selbsttäuschend, aber doch trotzig, dieser „Rückblick aus dem Grab“.

 

Mauscheleien, von denen drei anderen „Mit-Liegende“ auf dem Feld ein Liedchen zu singen wüssten, wie Martha Avenieu bitter aus der Erde raunt. Sie hat ihr Leben dem Bürgermeister quasi „geopfert“, ohne damit eigentlich was zu tun zu haben. Ist aber auch eine Zeugin dafür, dass einfache Hinwendung oft nicht belohnt wird. Dass Robert, ihr Mann, in seiner einförmigen Lebenshaltung, zu der auch die einfache „Haltung zu Martha“ gehörte, einfach nicht wirklich reichte. Sexuell nicht und nicht, was den Ehrgeiz Marthas anging. So wundert es nicht und trifft den Leser doch emotional massiv, dass dieser Robert einfach das Auto in Gang setzt ohne zurückzuschauen, als Martha stirbt.

 

Wobei auf der anderen Seite Hanna Heim darin aufging, gehalten wurde und, als Gegensatz zu Martha, die Hand ein erwachsenes Leben lang genoss, die einfach nur die ihre hielt. Bis zum Schluss.

Anders, als Gerd Ingerland, der „da draußen“ was suchte, aber nicht die Kraft fand, es zu finden, zurückkehrte und doch die wütende Missmut in sich selbst damit nur mehr anfachte.

 

„Es gibt auf dieser Welt Schafe und Wölfe. Aber es gibt keine Wahl“. Glaubt er seinem Vater zwar nicht, als dieser ihm diese Erkenntnis mit auf den Weg gibt, lebte aber so, als wäre das wahr.

 

„Ich sah ihm ins Gesicht und sagte: „Jetzt fresse ich Dich““. Am Ende aber bekommt jener, den Ingerland „fressen wollte“ genau das, was ihm selbst versagt blieb. Und nun liegt da einer auf dem Feld, der auf ewig mit sich im Unreinen sein wird.

 

Figuren, denen sich noch viele andere im Werk an die Seite stellen und ein Kaleidoskop des Lebens gemeinsam bilden.

 

Höhen und Tiefen, Nähen und Distanzen, Kampf um Anerkennung und „nicht kämpfen können“ (was zum Brand in der Kirche führen wird) und alles andere mehr an menschlichem Antrieb nimmt Seethaler in seine kurzen Portraits auf und dringt je auf wenigen Seiten zum Kern der Personen vor. Von denen keine langweilig in ihrem Sein ist, auch wenn nicht alle Handlungen der Leben von Spannung zeugen.

 

 

Ein Werk, um sich darin zu vertiefen und dem Leben als Individuum und zugleich als verbundenes Teil der sozialen Gruppe auf die Spur zu kommen.

 

M.Lehmann-Pape 2018