S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Romain Puertolas – Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA Schrank feststeckte

 

„Harold Fry“ lässt grüßen

 

Mehr noch als der „Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ (was man vom Titel her assoziieren könnte (und soll)), ähnelt dieser humoristische Roman (mit ernsten Untertönen) der „Pilgerreise des Harold Fry“.

 

Zum einen erzählt das Buch nicht eine „Lebensgeschichte im Rückblick“, zum anderen geht es hier, wie eben bei jener „Pilgerreise“, um eine Entdeckung der Welt, ein Ablegen von Naivität, ein Zusammentreffen mit vielen Personen, die, jede für sich, eine kleine „Geschichte  in der Geschichte“ darstellt.

 

Wobei deutlich mehr an Humor und Ironie (was nicht schwer ist) von Puertolas auf den Weg gebracht wird, als von Rachel Joyce in ihrem damaligen Werk.

 

Ein wenig ähnelt die Umsetzung dann auch an Verballhornungen von Hollywoodblockbuster. Man kann sich geradezu Adam Sandler oder Ben Stiller in der Rolle des Fakirs vorstellen. Ohne dass der „Fakir“ vollends zu einer reinen Persiflage oder zum Slapstick sich geriert.

 

Dass einer nach Europa zum nächstgelegenen IKEA (von Indien aus gesehen) fliegt, dabei seine unzählbaren Tricks sich schon zu Hause zu Nutze gemacht hat (Bandscheibe eben, damit die Mitbewohner in der Heimat ein Einsehen haben, dass Aya (der Fakir) einfach ein neues Bett braucht und ihm dafür das nötige Geld geben).

 

Ein Nagelbett, natürlich, wie es sich für einen Fakir gehört. Wobei Aya nichts anderes vorhat, als das Schnäppchen nach Hause zu bringen und dort wesentlich teurer wieder zu veräußern. Was er natürlich keinem auf die Nase gebunden hat.

 

So reist er mit einem laienhaft gefälschten Einhundert-Euro-Schein per Billigflug nach Paris, erwischt einen Roma-Taxifahrer, zeigt gleich bei der Bezahlung, welche Taschenspielertricks er beherrscht (ohne zu bedenken, dass jener Roma sehr, sehr nachtragend sein könnte) und betritt das Mekka der Möbel-Heimwerker.


Dass jenes Bett mit den zigtausend Nägeln deutlich preiswerter ist als das Pendant mit „nur“ zweihundert Nägeln versteht er zunächst nicht, doch der IKEA erfahrene Leser rechnet sich schon vorher aus, was es wohl an Stunden kosten wird, tausende von Nägeln daheim dann mit eigener Hand einsetzen zu müssen…..

 

„Begegnungen der dritten Art“ somit sind es, die Aya erlebt.

 

Zwar laufen die Dinge zunächst wie geschmiert, seine Tricks funktionieren und bringen ihm Unterhaltung, kostenfreies Essen und einige Euro dazu, doch als er sich zur Übernachtung im Möbelhaus heimlich einrichtet, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

In einem Schrank muss er sich verstecken, wird damit diesem verladen und auf den Weg nach England gebracht.

 

Auf diesem Transport beginnt der „ernsthafte“ Teil des Buches, der von nun an zwar immer wieder durch teils absurde Situationskomik unterbrochen werden wird, dennoch aber, auf einer sehr einfachen, fast naiven Ebene, dem Leser einen Spiegel auch der hässlichen Seite Europas (und des Lebens) vor Augen führt.

 

Im LKW trifft Aya (noch durch eine Schranktür getrennt) auf sudanesische blinde Passagiere, die nicht zum ersten Mal versuchen, heimlich nach England einzureisen.

 

„Fern der Heimat aber wurde auch der Stärkste verwundbar, wurde zu einem getretenen Tier mit erloschenem Blick“.

 

So wird, Etappe für Etappe die sich „durchwindende“ Lebenshaltung Aya´s hinterfragt, beginnt Aya, zu erkennen, dass zum einen dieses „sich verlassen auf Tricks“ keine ehrenhafte Lebenshaltung darstellt und zum anderen, dass auf dieser Welt vieles nicht in Ordnung ist.

 

Wobei, neben der  sehr einfachen Sprache und der teils fast künstlich wirkenden, naiven Grundhaltung, Puertolas die Dinge einfach zu plakativ und zu simpel dargestellt vorlegt, um den Leser wirklich nachhaltig zu berühren. Mehr als ein kleines „Schaufenster des Lebens“ bieten die einzelnen Episoden leider nicht.

 

Dennoch verbleibt eine auf jeden Fall vergnügliche Lektüre, die zwar vorhersehbar ihren Weg nehmen wird, humorvolle Momente aber vielfach bietet.

Und einen Blick darauf, wie das Leben (und Leiden) anderer einen selbst sehr nachdenklich werden lassen kann.

 


Gewürzt mit „europäischen Absurditäten“ und einem Nebenblick auf das moderne „Roma-Leben“ zwar kein literarisches Ereignis, aber eine angenehme Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014