Blessing 2014
Blessing 2014

Roope Lipasti – Ausflug mit Urne

 

Erfrischend trocken erzählt mit überzeugenden Figuren

 

Zunächst stellt sich die nicht unerhebliche Frage, wie in diesem leicht heruntergekommenen, einfach ausgestatten Automobil die Urne Jalmaris für die Reise befestigt werden könnte.

 

Natürlich findet ein Platz. Wie es Jalmari entsprochen hätte.

 

„Er war eher ein Mann von Welt gewesen, kein typisch finnischer Mann, der vor seiner Familie oder sich selbst in seine Garage, sein selbst geschaffenes Minireich, flüchtet“.

 

Jalmari war eine unruhige Seele mit unzählbaren Wohnsitzen und der Lebensgefährte der Mutter der Brüder Janne und Teemu.

 

„Die Urne lag im Kofferraum……… ideal als Jalmaris letzte Ruhestätte….. Jalmari könnte so ständig unterwegs sein“.

 

Die nun die Überreste des Mannes zu seiner letzten Ruhestätte bringen werden. Nicht ohne auf dem Weg dahin eine ganze Reihe der ehemaligen Wohnsitze des Mannes aufzusuchen. Beileibe nicht nur als Trauerarbeit ist diese Reise gedacht, irgendwo müsste da vielleicht gar noch ein Tresor stehen mit dem, hoffentlich nicht unerheblichen Barvermögen des Verblichenen. Zumindest am Ende der Reise, bei der Eröffnung des Nachlasses, spätestens, werden die Brüder sich um einiges Reicher hoffentlich wiederfinden.

 

Ein stückweit erschwert wird dies alles zudem durch die Unterschiedlichkeit der Brüder. Die einerseits dem Leser vergnügliche Momente mit trockenem Humor beschert, die andererseits das Ziehen an einem Strang allerdings oft hindert.

 

„Wie kann man die Gesamtschule besuchen, ohne zu wissen, wo Karelien liegt?“, fragt sich Teemu schon zu Beginn der Reise, wohlwissend, dass „der Bildungsweg meines Bruders nicht ganz gradlinig verlaufen ist“.

 

Andererseits, die lange Fahrt wird sicher auch Gelegenheit bieten, das ein oder andere informativ im Kopf des Bruders zu verankern. Wie auch der Leser zunehmend mit auf eine Reise auch in die Vergangenheit genommen wird, in der auch das nicht einfache Leben und Schicksal des verstorbenen Mannes zur Sprache kommt. Einer, der seine Mutter vor einem Erschießungskommando erleben musste vor den blutüberströmten Leichen der schon Erschossenen in der Grube. Eine Kindheit in Armut und Gefahr, einer, der doch immer wieder die Lücke gefunden hatte, seinen Weg unter die Füße zu nehmen.

 

Und mehr und mehr lässt Roope auch die weitere Geschichte Jalmaris einfließen, die ja späterhin auch ein Teil der Familiengeschichte der beiden Brüder war. Eine Reise, die zwischen den Brüdern und manches Mal dann auch von außen angestoßen, einen anderen Blick auf die eigene Geschichte eröffnet, den Bruder je und je in neuem, anderen Licht erscheinen lässt und ebenso die eigene Person, die eigene Reflexion befördern wird. Mitsamt der unterschwelligen Verwicklungen der Gegenwart, die zwischen den Brüdern vorhanden ist.

 

Der ruhige Teemu, der ständig überaktive Janne, die Geschichte des Lebens des Toten, die eigene Familie, all das bildet in einem trockenen, flüssig erzählten Sprachstil immer mehr eine ineinander verzahnte Gemengelage, die dem Leser die Ereignisse und die Charaktere der Figuren aus vielen Perspektiven hin vor Augen führt.

 

Perspektiven neben dem roten Faden der Fahrt, der Binnengeschichte der Brüder und der teils überraschenden Wendungen, die geschehen werden (was den Nachwuchs der Familie betreffen wird), die aber auch verwirren können, die teils zu nahtlos ineinander übergehen und damit die Orientierung im Buch nicht immer einfach machen.

 

 

Dennoch, ein anders anmutender, interessanter Stil und eine tiefgründige Geschichte hinter der scheinbar klaren Oberfläche der Personen, die das Lesen lohnt und die aufzeigt, wie komplex das Leben hinter all den vordergründigen, alltäglichen Fassaden ist.

 

M.Lehmann-Pape 2014