Blesseing 2014
Blesseing 2014

Ross Raisin – Unter der Wasserlinie

 

Intensive Darstellung

 

Da kommt der Leser kaum aus, wenn er Ross Raisin in dieser sehr intensiven, emotionalen, fast aber auch lapidar erzählten „Abwährtsbewegung“ der Hauptfigur des Romans, Mick, folgt.

 

Ein klassischer Verlierer des englischen Neoliberalismus.

 

Vom Werftarbeiter, Teil einer engen Gemeinschaft von Kollegen, stolz auf die mehrstöckigen, alle Häuser des Viertels überragenden Schiffe, an denen er mitgearbeitet hat, ist dieser Mick schon länger zum „Mietwagenfahrer nach Bedarf“ „abgestiegen“.

 

Und nun ist seine Frau gestorben.

Krebs.

Verursacht vielleicht durch giftige Stoffe, die Mick selbst an seiner Kleidung mit nach Hause brachte, mit denen er selbst eher spielerisch Umging.

 

Mit dem Sohn in der Nähe entfremdet, falls da jemals Nähe war.

Mit dem anderen Sohn durch tausende Kilometer getrennt (die Familie hatte einige Jahre in Australien gelebt, bis Micks Frau es vor Heimweh nach Glasgow nicht mehr aushielt. Der Sohn Robbie blieb auf dem fünften Kontinent).

Mit seinem Schwager eher in Abneigung verbunden, von dem würde Mick sich nicht helfen lassen wollen.

 

Und überhaupt, woher die Energie nehmen? Mick hat Mühe genug, seine ruhige, fatalistische Haltung gegenüber all den Besuchern zur Trauerfeier aufrecht zu erhalten.

 

Dann aber wird es still, dann hat der letzte Besucher die Tür hinter sich geschlossen. Und dann lässt Raisin den Mann vor den Augen der Leser in einer Lähmung des Lebens versinken, die mehr ist, als Trauer und die Raisin minutiös fassbar zu beschreiben versteht.

 

Im Haus hält er es nicht aus, überall Träume von seiner Frau. Im Schuppen im Garten verdöst er die Tage, Erdlöcher dienen als Toilette, die Betrachtung von Vögeln und der Gang zum Grab, erst täglich, dann stockend, lassen die Tage verstreichen.

 

Das Konto leert sich, Essen ist uninteressant. Es wird, wie in Raisin in einer Szene schmerzhaft auf den Punkt bringt.

Man klebt irgendwie fest (im Buch an der Gefriertruhe) und kann doch nichts mehr mit den Inhalten Anfangen (weder den gefrorenen Speisen noch dem leeren Haus noch der Arbeit noch der alten Stammkneipe).

 

Irgendwann reißt Mick sich los. Irgendwo neu, irgendwie noch mal starten. In einer Welt der modernen Sklaverei als Spülhilfe in London. Von jetzt auf gleich vor die Tür gesetzt, Renitenz oder gar Überlegungen von Rechten für Angestellte sind da nicht gefragt.

 

Bis ganz nach unten reicht das Leben Mick Seite für Seite in einem wie beiläufigen Prozess hindurch. Mit immer wieder tragischen Momenten.

Wie allein schon der nackten Sprachlosigkeit dem Sohn gegenüber. Eine Kluft, die nicht überschritten werden kann, scheinbar.

 

Allein. In Trauer. Innerlich gelähmt. Sich gehen lassen, das alles nur mehr wie durch eine Nebelwand wahrnehmen. All das stellt Raisin bildkräftig und beeindruckend vor Augen.

 

Vielleicht mit ein wenig zu randläufiger Betrachtung des „Umfeldes“. Die realen Auswirkungen des „Niedriglohnsektors“ ohne Rechte, das hätte ein wenig mehr an Raum verdient gehabt. Oder auch jene Vereinsamung, die nicht erst geschieht, als der Tod der Drau eintritt, sondern die ja vorher bereits breite Wurzeln hatte, die nun erst vollends sichtbar werden. Wo sich im „normalen“ Leben eben keiner um keinen so recht kümmert.

 

„Mit einem Bier intus ist er lockerer und ihm ist wärmer“.

Und lange Zeit im Buch ist das tatsächlich alles, was wärmt.

 

 

Sprachkräftig bringt Raisin den Fatalismus eines langsamen, aber immer tiefer reichenden Weggleitens aus dem Leben zur Geltung mit einem Funken Licht am Ende des Tunnels. Vielleicht.

 

M.Lehmann-Pape