DVA 2012
DVA 2012

Sadie Jones – Der ungeladene Gast

 

Fremde im Haus

 

Was beginnt wie ein gemächlicher Reigen an Familienroman und möglichen Liebesgeschichten, entwickelt sich Seite für Seite späterhin mehr zu einem überaus spannenden Buch mit Sequenzen, die durchaus an einen handfesten Thriller erinnern. Gewürzt mit einer Prise vorhandenen Bösen, dass lange unnennbar, nicht zu greifen im Raume steht, die Atmosphäre aber mehr und mehr verdüstert. In Sterne, dem kleinen, nicht sonderlich gepflegten, Landsitz, der Familie Torrington.

 

Vater Torrington ist vor einigen Jahren gestorben, die Mutter, Charlotte, hat überaus rasch wieder geheiratet. Einen durchaus soliden Mann, der nach einem Unfall einen Arm verloren hat, der in den Augen der Kinder aber irgendwie nicht hineinpasst. Nicht in die Erinnerung an den Vater, nicht mit seinen hellen Haaren und seiner irischen Abstammung. Auch wenn sich Edward, „der Neue“, bemüht, auch wenn er gerade dabei ist, der Familie das Heim zu retten indem er bei einem ihm verhassten reichen Mann zu Kreuze zu kriechen gedenkt, um Geld für den Erhalt des Hauses aufzutreiben. Denn Geld ist Mangelware im Landsitz Sterne.

 

Was auch die Kinder zu spüren bekommen. Emerald hat Geburtstag, eine kleine Feier ist geplant, die Sorgen sollen für einen Abend nicht im Mittelpunkt stehen. Selbst ihr Bruder Clovis nimmt sich zusammen, auch wenn ihm nicht alle der avisierten (weiblichen) Gäste wirklich willkommen sind. Die kleine Schwester Isabel, Smudge genannt, ist zwar unpässlich, aber viel Beachtung erhält sie an sich ja nicht. Nur Emerald kümmert sich um das erkrankte Mädchen, um sie für den Abend wieder auf die Beine zu bringen.

 

Alle Pläne aber werden durch einen Zugunfall über den Haufen geworfen. Die Zugreisenden werden zur ersten Versorgung nach Sterne verwiesen. Vor allem einer der Zugreisenden, Charles, bringt etwas an Gefühl, an Schwierigem, einfach an zunächst nicht wirklich greifbaren Bösem mit in das Haus und die eher intim gedachte Feierlichkeit. Er und Charlotte kennen sich, was niemand der Familie weiß. Ein Kennen, welches Charles kühl und bedrängend auf seine Art ins Spiel bringen wird.

 

Liest man das Buch aufmerksam, wird deutlich, dass Sadie Jones die Unwägbarkeiten, das Hintergründige durchaus schon von Beginn an in den Raum treten lässt. Nicht direkt und massiv, eher filigran in der Beschreibung und der Konstellation ihrer Figuren. Dass dies kein „klassischer“ englischer Familienroman werden wird (auch wenn die typisch britische „Haltung“ und die Umgangsformen getreu wiedergegeben werden, hier und da auch humoristisch genutzt werden), zeigt sich vor allem an der Person Charlottes. Eine, die rasche ein Träne fortwischt, aber nicht so rasch, dass man sie nicht doch sieht. Eine, die sich nicht um ihre Kinder kümmert (alle mussten „sich selbst“ erziehen). Eine, die nicht aus sich heraus Beständigkeit kennt, sondern diese durch den jeweiligen Ehemann findet.

 

„Charlotte besaß viele gute Eigenschaften, war jedoch rücksichtslos eigensüchtig“.

 

Ein Charakterzug, der in der Vergangenheit für „Ausreißer“ gesorgt hat und der sie nun in ihrem eigenen Haus auf eine Art und Weise einholen wird, mit der sie nie gerechnet hätte.

 

Ebenso, wie es Sadie Jones gelingt, den Leser mit immer neuen Wendungen zu überraschen, der bei der zwar innerlich belasteten, äußerlich aber idyllischen Schilderung des Anfangs die folgenden Ereignisse teils fast auf Gruselebene nicht vorweg geahnt hätte.

 

Trotz einiger Längen und Ungereimtheiten (dass Charlotte ihre Kinder, gerade die kleine Smudge, so gut wie gar nicht beachtet, scheint doch sehr überspitzt dargestellt) bietet Sadie Jones eine treffende Zeichnung der Atmosphäre der Zeit, der Umgangsformen, der Sorgen und Nöte, aber auch der ein oder anderen hochmütigen Haltung und leitet über in eine spannende Auseinandersetzung mit einem vermeintlich Fremden, die durchaus auch schaudern lässt. Gute Unterhaltung bietet das Buch allemal, wenn man erst einmal hineingefunden hat.

 

M.Lehmann-Pape 2012