Hanser 2014
Hanser 2014

Said Sayrafiezadeh – Kurze Berührungen mit dem Feind

 

Lakonischer Blick auf den Alltag

 

Es gibt eine ganze Reihe „kurzer Berührungen“ in den verschiedenen Geschichten im Buch, doch wer ist eigentlich der Feind?

 

Ist es der „Kriegsgegner“? (Wobei Sayrafiezadeh in allen Geschichten konkrete Zeitangaben außer Acht lässt, man sich somit „den Feind“ und „den Krieg“ indirekt erschließen muss).

 

„unser Mann hatte die Macht übernommen. Ihr Mann war auf der Flucht“.

 

Und da Zeke, der Call-Center Mitarbeiter mit immer gleichem, leerem Tagesablauf in seiner Lethargie doch jenen Wally, der seine „Zeit hinter sich hat“ mit interessierten Augen betrachtet (dieses Erschlanken, diese Muskeln, dieses energische Kinn auf einmal, der gleiche Wally, der mit Panik in den Augen vor zwei Jahren „in den Krieg zog“) und sich so seine Gedanken macht über seine eigenen Möglichkeiten, seinem Leben eine andere Richtung zu geben, könnte er vielleicht helfen, „den Mann“ zu stellen.

 

„Wally war ein anderer geworden. Das sah man sofort. Er war jetzt spannungsgeladen. Er war geschmeidig“.

 

Oder ist der Feind nicht viel mehr der Alltag? Diese Lethargie, dieses immer gleiche, dieses tief abgestumpfte?

 

„Hinter meinem Zugfenster glitt die vereiste Landschaft vorbei, zuerst die Vororte, dann die großen Kästen, dann die Schulen, die Warenhäuser…..die Ghettos….und später tauchen die Bürogebäude auf….die 24 Stunden am Tag hell erleuchtet waren….Das war der große Fortschritt unserer Zivilisation“.

 

Nach dem Aufstehen zur immer gleichen Zeit in der Wohnung mit den immer gleichen zugigen Fenstern, um die sich keiner kümmert.

 

Oder ist der Feind „der Staat“, wie bei jenem „Illegalen“, der über Jahrzehnte hinweg vorsichtig ist, Träume wagt. Einer, der doch Freund ist jenes Ich-Erzählers und dessen späteres Ergehen bei diesem doch keine Emotionen hervorruft. Schlimmer als die Situation der Illegalen ist doch wohl die Hitze und das Kleben der Beine auf den Plastikbezügen im Bus. Immerhin hat der Ich Erzähler dieser Geschichte ja schon seit 10 Jahren einen DVD Spieler, was soll die Aufregung seines chilenischen Freundes über seine Neuerwerbung nun?

 

Oder ist der Feind doch im Inneren der eigenen Person zu finden. In dieser fatalistischen, sinnentleerten Alltagshaltung, den kaum noch zuckenden Emotionen (die Sayrafiezadeh auch sprachlich durchgehend in den Raum des Buches setzt). Und selbst da, wo ein Schwung genommen wird, hält die Motivation kaum mehr als ein paar Augenblicke, bis das gewohnte Denken, das Abgestumpfte wieder die Vorherrschaft übernimmt.

 

Eine hohe emotionale Distanz ist es, mit welcher der Autor seinen Figuren aber auch dem Leben in der Gegenwart Amerikas begegnet. Kaum etwas dringt noch durch, regt auf. Kühl, betrachtend, die Zeit verstreichen lassend begegnet Sayrafiezadeh in seinen verschiedenen Geschichten dem Status Quo und entwirft gerade durch nur im Hintergrund schwach zuckenden Emotionen mehr und mehr ein Gefühl der Beklemmung beim Leser.

 

Dass das alles nicht aufregt. Dass da kein Ruck durch die Personen, durch die Geschichte geht. Bei Ereignissen die noch in der jüngeren Vergangenheit Widerspruch und Aufregung hervorgerufen hätten und die nun einfach mit einem Achselzucken abgetan werden.

 

Dennoch findet der Leser sich nicht leicht ein in diese Geschichten, die in Teilen einfach auch bei der Lektüre vorüberstreichen, wie die Ereignisse in den Geschichten an den Protagonisten vorüberstreichen. Vielleicht ist das der eigentliche Feind, dieses „Vorüberstreichen“ eigentlich doch wertvoller Lebenszeit in sinnlosen Hamsterrädern des Alltags?

 

 

Sprachlich präzise, sachlich, umschreibend, nicht immer auf den Punkt kommend bietet Sayrafiezadeh einen anderen, durchaus wirksamen Blick auf das „normale“ Leben der Gegenwart mit seinem inneren Preis der nur noch kurzen, flatterhaften, wenig nachhallenden „Berührungen“ mit dem „Feind“ und dem Leben an sich.

 

M.Lehmann-Pape 2014