Klett-Cotta 2016
Klett-Cotta 2016

Sandro Veronesi – Fluchtwege

 

Temporeich

 

Einfach hat es Pietro Paladini einfach nicht. Bei alldem, was ihn just im Moment aus der eigentlich ruhig geplanten Bahn wirft.

 

Eigentlich scheint doch alles einigermaßen geregelt. Und mehr will der Mann doch gar nicht. Teilhaber eines Autohauses, das sich darauf spezialisiert hat, Leasing-Fahrzeuge zu „entziehen“, wenn die Gläubiger mit den Raten in Rückstand geraten und diese dann gewinnbringend zu verkaufen.

 

Ein wenig matt am Leben, gut, dass ist er schon, der ehemalige TV-Direktor.

Aber seine Tochter Claudia ist ihm wichtig, seine Freundin „D.“  (der wirkliche Name hat eine gewisse Bedeutung, deswegen kürzt Pietro diesen lieber ab), das entwickelt sich doch ganz gut (auch wenn Claudia D. nicht mag, auch wenn der drogensüchtige Ex-Mann seiner neuen Lebensgefährtin einfach keine Ruhe geben will und wird).

 

51 gelebte Jahre, Witwer (was hart war), das Gedächtnis lässt leicht nach (aber zum Glück hat Pietro ja alles, von den Telefonnummern seiner wichtigsten Menschen bis hin zum Passwort für das Erbe seines Vaters sicher im Handy verwahrt, oder), der Bruder ins Ausland geflohen nach einem Betrug, er selbst eben gerade auf dem Weg, ein Auto wieder zu beschaffen, dessen Spur sein Partner Lello aufgetan hat (der gerade ob eines vermeintlichen medizinischen Eingriffs verhindert ist).

 

Und da nimmt das Unglück seinen Lauf (zumindest die Seite, die Pietro aktiv miterlebt, denn einiges an „Unglück“ hat sich bereits hinter seinem Rücken angesammelt und wird nun erst langsam ans Tageslicht kommen).

 

Zunächst aber hat jene junge Frau, die aktuell den wunderbaren Q3 benutzt, noch eine ganze Menge anderer Reize für Pietro, wie dieser feststellt. Leidvoll feststellen wird.

 

Dass er sich auf dem Weg sich in einer Notaufnahme des Krankenhauses wiederfindet, ob der Verletzung eines ihm fremden Kindes, dass dies vielleicht gar nicht wirklich stattgefunden hat (die Verletzung), dass sein Handy verloren geht (und damit alle seine Daten und zudem der Q3), dass sein Partner vielleicht doch nicht nur von „entzogenen“ Automobilen lebte, dass seine Tochter anscheinend (ihm unbekannterweise) einen erbitterten Streit mit ihm hat (und Rom verlässt). Dass zudem das Finanzamt alle Unterlagen und Computer in seiner Abwesenheit beschlagnahmt hat, all das kann einen Mann schon ins Wanken bringen.

 

Geheimnisvolle Nachrichten auf spionageartigen Wegen hat ihm sein Partner hinterlassen und, ganz allgemein gesagt, der Boden wird nun doch sehr, sehr heiß unter Paladinis Füßen.

 

Gut, dass da jemand ist (ein Hüne von Mann), der scheinbar einen ersten Ausweg anzubieten hat, denn Flucht scheint das Gebot der Stunde, obwohl Paladini nur rechtschaffen versucht hat, seinen Weg in Ruhe zu gehen. Übergreifend und ganz allgemein gesehen.

 

Aber es gilt eben: „Alles was wir tun, beschwört einen Dämon“, auch wenn das gar nicht beabsichtigt war. Und der Preis ist: „Beiß rein und bereue“.

 

Da mag Pietro noch so sehr davon ausgehen, dass alles, was ihm passieren kann, nicht einen „wohlüberlegten Lebensplan“ beeinträchtigen kann.

 

In hohem Tempo, dicht gedrängt, in die Tiefen seiner Hauptpersonen hinabsteigend, führt Veronesi emotional dicht und intensiv dem Leser (und seiner Hauptfigur) vor Augen, wie sich alles mit allem verkettet und der Boden unter den Füßen wegzurutschen droht.

Ohne eigenes Zutun.

 

Und führt ebenso sprachlich dicht und flüssig vor Augen, dass ein Kämpfer nicht aufgibt, sondern sich, nach erster Verwirrung, beginnt, auf die eigenen Stärken zu besinnen. Selbst wenn einem eine dubiose rumänische Gruppe von Kriminellen im Nacken sitzt.

 

Jener resignierende Rat des alten Freundes Enoch wird, zum Glück, von Paladini nicht befolgt werden: „Sobald Du spürst, dass Du es nicht schaffst, gib auf. Wehre dich niemals“.

 

Genau das aber wird Paladini tun. Sich wehren. Und damit ein Fanal setzen für den Leser, dass in einer komplexen Welt, in der nicht alles unter Kontrolle gehalten werden kann, noch lange nicht die Waffen gestreckt werden, wenn man in Bedrängung gerät.

 

 

Eine intelligente, in den Bann ziehende Geschichte, die sprachlich dicht und intensiv von Veronesi umgesetzt flüssig zu lesen ist.

 

M.Lehmann-Pape 2016