Knaur 2010
Knaur 2010

Sherri Smith – Vestalinnen Feuer

 

Leben und Leidenschaft im alten Rom

 

Ausgesonderte waren Sie. Vestalinnen, Priesterinnen der Gottheit Vesta.
Zu der Zeit, in der die Handlung des Romans angesiedelt ist, gab es jederzeit 6 Vestalinnen (in späteren Jahrhunderten 7), deren wichtigste Aufgabe die Sorge um das immer brennende Feuer im Tempel war.
Nur Jungfrauen, die im Kindesalter ausgewählt wurden und für mindestens 30 Jahre ihren Dienst verrichten mussten, durften diesen heiligen Dienst verrichten. Im Gegenzug hatten diese keuschen Priesterinnen weitgehende Rechte und Privilegien, die fast an jene der Männer Roms heranreichten.

Wehe aber, wenn eine Vestalin ihr kostbarstes Gut verlor, ihre Keuschheit. Schweres Unheil verhieß dies für ganz Rom. Eine solche Priesterin war des Todes und wurde lebendig begraben. Lebendig deswegen, weil kein Einwohner Roms direkt verantwortlich sein wollte für den Tod einer Vestalin. So gab man ihr auch symbolisch Lebensmittel mit ihn ihr Grab, damit niemand zur Verantwortung für den Hungertod einer Vestalin gezogen werden konnte.

Der Beginn des Buches mit dem doppeldeutigen Titel (Sowohl das Feuer der Gottheit, als auch das Feuer der Leidenschaft schwingen in "Vestalinnen Feuer" mit) führt den Leser genau in diese Situation.
Aemilia, im Alter von 6 Jahren durch Los zum Dienst der Vestalin bestimmt, wird lebendig begraben. Akribisch genau schildert Sherri Smith diesen Vorgang aus der Ich-Perspektive der jungen Priesterin und bietet mit diesem Stilmittel und ihrer plastischen, bildhaften Schilderung einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte.

Was führte zu dieser gnadenlosen Todesstrafe? Der geschichtskundige Leser weiß, dass diese Todesart auf Unkeuschheit der Priesterin folgte. Aber wie konnte dies im völlig abgeschotteten Leben der Priesterin überhaupt geschehen? Was wird passieren in dem Grab, die Öffnung unerreichbar weit oben, einige halbverfaulte Lebensmittel und eine Öllampe als Beigabe?

So wird die Geschichte Aemilias mit ihrer Freundin, der vorwitzigen Vestalin Tulia, mit der sie ihre Träume und Sehnsüchte teilt und mit ihrer großen Liebe und Leidenschaft, dem griechischen Sklaven Lysander, von hinten erzählt. Eine Geschichte von verbotener Liebe, von Umsturzplänen gegen den Senat, an denen Lysander als Mitwisser beteiligt ist, gewürzt mit Sentenzen Julius Caesars und voller Eindrücke vom alltäglichen Leben im antiken Rom.

Historisch genau recherchiert bietet Sherri Smith anhand der vordergründigen Liebes- und Ränkespielgeschichte ebenso realitätsnahe Einblicke in kultische Hintergründe und die politischen Zustände im Rom um das Jahr 60 v.C. herum, wie sie es versteht, ihre Geschichte mit bildhafter Sprache fließend und logisch aufgebaut zu erzählen.

Trotz einiger Längen und der ein oder andren langatmigen Beschreibung kultischer Handlungen gelingt es ihr durchaus, auch Spannung aufzubauen und zum Ende hin für einige Überraschungen gut zu sein.

Es gibt durchaus schlechtere Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, als das Lesen dieses Erstlingswerkes von Sherri Smith, auch wenn Hochliteratur hier natürlich nicht zu erwarten ist.

 

M.Lehmann-Pape