Hoffmann und Campe 2012
Hoffmann und Campe 2012

Sibylle Knauss – Fremdling

 

Klon

 

Sprachlich in ganz hervorragender Qualität bringt Sibylle Knauss ihre Geschichte zu Papier, Eine Geschichte, die zunächst nach  Fantasy klingt, im Kern aber eher ein anthropologischer Roman ist, der einerseits aufnimmt, was gentechnisch bereits möglich wäre und dies verbindet mit einer urtümlich zu nennenden Sicht auf unsere Welt heute. Eine Welt, in der selbst die zivilisatorischen Ränder keine wirklichen Rückzugsorte mehr darstellen.

Eine Welt, in der ein „Fremdling“ kaum mehr einen Platz finden könnte. In der das, was „fremd“ wirkt, ausgeschlossen, an den Rand geschoben wird. Ganz schnell sogar.

 

Sehr intensiv zeigt sich diese Konstellation etwa nach 2/3 des Romans, als jener „Fremdling“ Jo Objekt eines wissenschaftlichen Kongresses wird und aufgrund seiner nur schwer zu verstehenden Artikulationsweise und seines eingeschüchtert Seins schnell von den anwesenden Wissenschaftlern enttäuscht „zur Seite“ gelegt wird. Das eben ist der Umgang mit der urtümlichen Natur, mit dem, was man nicht auf Anhieb und problemfrei versteht. Zur Seite packen, sich auf keinen Fall stören lassen in den eigenen Kreisen und Bezügen.

 

Dies ist allerdings auch eine der Stellen und Wendungen im Buch, in denen Sybille Knauss ihren ehrgeizigen Ansatz nicht ganz durchhält In der sie die vorstellbaren, realen Abläufe zugunsten ihres eigenen Spannungsbogens und ihrer eigenen Ziele im Buch verlässt. Eine solche Reaktion auf einen geklonten Neandertaler inmitten der modernen Welt ist zuwenig, dass Wissenschaftler nach einer knappen Zeit bereits jedes Interesse an diesem gentechnisch hergestellten Wesen verlieren sollen. Das Jo, der im Leib der Wissenschaftlerin Maria ausgetragene Klon aus früher Vorzeit dann irgendwann in dieser Gesellschaft eher als „Irrer“ behandelt wird und zu guter Letzt sich selbst überlassen wird, das ist nicht wirklich nachvollziehbar. Auch nicht in den inneren Strukturen des Buches.

 

Wohl aber, und das wiederum ist einer der Stärken des Buches, dass ein instinktiv mit der Natur, den Tieren, dem Leben verbundenes Wesen keinen Platz mehr für sich in dieser Welt findet. Sich verstanden und aufgehoben nur in seinen Visionen in der Gemeinschaft mit den längst ausgestorbenen Artgenossen fühlt. Dass das, was fremd und „hässlich“ wirkt, umgehend ausgestoßen wird. Aber auch nicht in Ruhe am Rande der Zivilisation in den Bergen Kroatiens gelassen werden kann. Hineingezwungen werden in das gesellschaftliche System, Angst auslösend bei Lehrern und Mitschülern, von der „Mutter“ (auch wenn diese dies nicht im genetischen Sinne ist) hinweggerissen, hier nimmt Sibylle Knauss den Leser intensiv mit in das innere Erleben ihres Protagonisten und in das innere Standing der modernen Gesellschaft.

 

Eine Geschichte, die auch ahnen lässt, wie eng die Verbindung Mensch und Natur einmal gewesen ist, wie stark Gene die Persönlichkeit beeinflussen und uralte Instinkte angeboren vorliegen. Eine Geschichte auch über schwankende Emotionen von Mutterliebe und hier und da auch Erleichterung, eine Bürde loszuwerden. Eine Geschichte auch von der Hybris des modernen Menschen und auch eine Geschichte eines letztlich gescheiterten Experiments, dessen Ergebnisse nicht genutzt wurden.

 

Mit Stärken und Schwächen in den Spannungsbögen und den hier und da doch auch abreißenden Erzählfäden bildet der „Fremdling“ eine überwiegend intensive und sprachlich gelungene Lektüre, welche an manchen Stellen aber realistisch vorstellbare Reaktionen verlässt und den ein oder andern Erzählfaden nicht ganz zum Ende bringt.

 

M.Lehmann-Pape 2012