Klett-Cotta 2011
Klett-Cotta 2011

Silvia Avallone – Ein Sommer aus Stahl

 

Hitze, Meer, Stahl und Jugend

 

Fast wie aus einem apokalyptischen Endzeitthriller entsteigt das langsam verrottende Stahlwerk, Zentrum des Lebens vor Ort,  den Seiten des Buches. Das beherrschende Monument in diesem Ortsteil dieses Fleckens in Italien. Einem Stück Festland genau gegenüber der Insel Elba mit ihren gepflegten Stränden und dem dolce vita.

 

Piombina heißt die Hafenstadt und Lucchini der Mietskasernenteil, Wohnort der Arbeiterschar des Stahlwerkes, ebenfalls Ort des dreckigsten Strandes weit und breit. Hier, inmitten schäbiger Wohnungen und des rauen Umgangstones, eher an die New Yorker Bronx denn an das idyllische Urlaubsland Italien erinnernd, ist das Zuhause von Francesca und Anna. 13 Jahre alt, beide, in geschworener, ewiger Freundschaft verbunden. An der Schwelle zum Erwachsen werden, ganz auf das Äußere des Körpers fixiert (ihre Entkleidungsshow an jedem Montag im verschlossenen Badezimmer vor weit geöffnetem Fenster ist für die vielfachen männlichen Bewohner der Wohnungen gegenüber des Fensters durchaus ein Grund, früh aus den Federn zu kommen, um sich ihren Teil an schwüler Erotik und sexueller Erregung zu gönnen). Selbst Francescas Vater kann sich dem sich entwickelnden Körper seiner Tochter in ihrem fast durchsichtigen Bikini kaum entziehen und lässt das Fernglas fast an den Augen festwachsen, wenn seine Tochter in ihrem „Paradies“ (dem Strand vor der Haustür der Mietskasernen) ihren Körper bewusst und provokant zur Schau stellt.

 

Mehr als dieses „zur Schau stellen“ seiner selbst, sei es im Bikini, sei es männlicherseits mittels eines spoilerbewehrten Kleinwagens oder zumindest seiner Muskulatur, ist dort auch kaum als möglicher Sinn des Lebens und als tagesfüllende Beschäftigung möglich. Intensiv und schonungslos lässt Silvia Avallone in ihrem Debüt die äußere Trostlosigkeit des Ortes, des Stahlwerkes, des schäbigen Mietghettos korrespondieren mit der inneren Leere, der massiven Gewöhnlichkeit der Menschen vor Ort und den zerstörten Hoffnungen in früh gealterten, ebenso gewöhnlich bis hässlichen Körpern der Elterngeneration.

 

„Die dumpfen Schläge der Dinge, die dumpfen Schläge der Hände. Ein Mann schrie seine Frau an: „Du bist eine Hure!““.

Eine Leere und zugleich Härte des Lebens, die zu Spannungen da führen muss, wo Träume hinzutreten, andere Möglichkeiten im Raum stehen. So, wie bei Anna, der das Gymnasium winkt und damit Möglichkeiten für die Zukunft, während Francesca kaum den Horizont dieser Welt verlassen werden kann. Und natürlich gibt es Hoffnungen und Träume, vor allem von der Liebe, wenn man 13 ist und das Leben beginnt, zu entdecken, wenn die Strände von Elba am Horizont noch Orte der Sehnsucht sind und noch nicht völlig ignoriert werden wie von den Erwachsenen. Hoffnungen, die ich allerdings zumeist in flüchtigem Sex in den windschiefen Umkleidekabinen am Strand erschöpfen.

 

In bildreicher Sprache führt Avallone den Leser an diesen Ort und seine Bewohner. Es gelingt ihr, die Idee von Freiheit und Hoffnung mitschwingen zu lassen und zugleich anhand der lebhaften und zutreffenden Schilderung allein schon des Strandes jederzeit in den Raum zu stellen, dass dies alles an diesem Ort nur trügerisch sein kann. Dass es einer großen Fantasie bedarf, sich die Häuser, die Straßen, die Rohre, die Abwässer, den verrostenden Stahl, die zerfallenen Mauern, schön zu reden. Eine Fantasie, die an der Wirklichkeit zerschellen wird. Eine Welt, die sich in Äußerlichkeiten erschöpft, deren Ziele allesamt mit Geld erreichbar wären und doch nur kurzfristig dann tragen. Figuren und Menschen, die Avallone vor den Augen des Lesers entstehen lässt, die weitaus mehr hinter ihren Rollläden ein desillusioniertes Höhlendasein führen, denn dass sie vom Leben noch etwas erwarten würden.

 

Ein ganz anderes Italien lässt Avallone in ihrem Buch lebendig werden, als jenes, das auf Postkarten um die Welt geht. Armut, niedergehende Industrie, Gefühllosigkeit, Dumpfheit, ohne dass ein Happy End oder ein innerer Sonnenstrahl in der umbarmherzigen Sommerhitze dauerhaft in den Raum tritt. Ein Buch, dass starke Nerven braucht, um es zu lesen, das aber wesentlich mehr aktuelle Realität in sich trägt als die feinen Sandstrände Elbas zur Urlaubszeit. Lesenswert trotz einiger Längen.

 

M.Lehmann-Pape 2011