Klett-Cotta 2014
Klett-Cotta 2014

Silvia Avallone – Marina Belezza

 

Nur weg aus diesem Leben

 

„Menschen wie Marina gehören niemandem, denn es gelingt ihnen nicht einmal, sich selbst zu gehören“.

 

Und so besteht das Leben (nicht nur) Marinas aus einem ständigen Wechsel der „Aggregatzustände“.

 

Sie will ein Star werden, herausragen, sich alles leisten können, etwas besonderes sein. Was in dieser langweiligen, fast ausgestorbenen Stadt Biella nun nicht gerade die beste Startposition findet. Aber sei es drum. Es gibt ja Casting-Shows. Und sie wird ihre Chance bekommen und nutzen. Da ist sie sicher. Fast. Manchmal auf jeden Fall.

 

Und immerhin hat sie hier auch Andrea wieder getroffen, ihre Jugendliebe.

 

Und wo Marina alles dafür in Bewegung setzt, „entdeckt“ zu werden, vertieft sich Andrea in seinen Tagtraum von einer eigenen Sennerei. Und auch wenn dies ein realistischeres Ziel scheint als ein „Star“ zu werden, in Wahrheit ist das genauso weit von der Realität entfernt wie Marinas abstrampelnde Versuche.

 

Beide verbindet allerdings vor allem, dass sie dieser drögen, lähmenden Gegenwart entfliehen wollen, Tag für Tag.

 

Ein Momentum welches Avallone wie einen Kern in die Seiten ihres Romans setzt, in dem sie in emotional dichter Weise sowohl den Antrieb dieses „Weg wollen“ vor die Augen des Lesers setzt, als auch die ständige Bremse, welche die doch vorhandene Last von Gegenwart und Vergangenheit, von „so sein, wie man ist“ für die Beiden bedeutet.

 

So ergibt sich die Gegenwart als ein ständiger Wechsel der Gefühle und der Haltungen. Ein Wiederfinden, ein Verlassen, Liebe, Hass, Kommen, Gehen, gepaart mit immer wieder aufblitzenden Eingebungen, dass es so nicht gehen wird, dass ein gemeinsamer Weg nicht im Raume steht. Erkenntnisse, die oft und oft von einfacher, klarer, nicht-denkender Leidenschaft wieder hinweggeschwemmt werden.

 

„Sie hatten entgegengesetzte Richtungen gewählt, es gibt nichts, was sie teilen konnten“.

 

Und doch teilen beide auch eine gewisse Haltlosigkeit, eine leichte Verzweiflung ihrer ganzen Generation. Ob nun als Pop Sternchen oder als solider Almbesitzer, die treibende Frage ist, was sich denn lohnt. Was Bestand haben könnte. Was echte Anerkennung mit sich bringt. Nicht nur ein wenig flüchtigen Applaus.

 

All das lässt Avallone mit einfließen und bietet so ein rigoroses Bild von hin- und her geworfenen Menschen. Ein Roman, der allerdings sich teils ebenso langgestreckt liest, wie das Leben in der fast ausgestorben wirkenden Stadt Biella sich darstellt. Eine Zerrissenheit, ein Kampf gegen die Umstände, gegen die Vergangenheit (welche diese Umstände herbeigeführt hat), gegen wenig Perspektiven, ein Kampf auch immer wieder gegen sich selbst und den anderen, der auf Dauer den Leser an manchen Stellen ebenso ermattet, wie die Protagonisten.

 

Ein Roman, der ein Lebensgefühl trifft, der seine Protagonisten intensiv ausleuchtet, aber so manche Längen dabei nicht vermeidet.

 

 

M.Lehmann-Pape 2014