Knaus 2014
Knaus 2014

Simon Borowiak – Sucht

 

Ein “feuchtes” Buch über die Süchte

 

In diesem Roman sind die einzelnen Teile, Episoden und Betrachtungen fast mehr als das Gesamte.

 

Klar gibt es eine Geschichte, einen roten Faden. Die Geschichte des Versuches einer Gründung einer Privatdetektei durch einen trockenen Alkoholiker, einen Blinden (der aber das nötige Kleingeld zunächst hätte) und einen Tablettensüchtigen, den der Schlaf nicht mehr findet.

 

Und eine Liebesgeschichte ist darin verwoben zwischen einer burschikosen, medizinisch gebildeten, in sich klaren Frau (Heike) und dem Tablettensüchtigen und dem trockenen Alkoholiker.

 

Rote Fäden, an denen sich durchgängig aber viele kleine Episoden, Geschichten, Personen anreihen, die liebevoll und mit subtilem Humor von Borowiak durch ihre eigenen, kleinen und gro0en Geschichten, geschickt werden.

 

Cromwell schläft nicht mehr.

 

„Cromwell Jordan war ein weiches Kind, das viel träumte, nie krank war und weder Gott noch Keuchhusten fürchtete“.

Aber das ist lange her, das Kind-Sein.

 

Mit rotgeränderten Augen, einem dröhnendem Kopf, kaum mehr wissend, wer er ist und wo vorne und hinten ist, kann er eigentlich von Glück sagen, dass er Freunde hat. Auch, wenn einer blind ist. Schlomo zumindest, Entgiftungserfahren, zwar auch nur „irgendwie“ durch das Leben taumelnd, ist zumindest, was andere angeht, bei klarem Verstand. Und eben nicht zulässt, das Cromwell den nächsten Schub Tabletten von einem seiner verschiedenen Ärzte sich besorgt. Er packt für Cromwell. Und „Sievekind“ darf nicht vergessen werden!

 

„Auch  nicht fehlen sollte ein Stofftier …. So dass man es ohne Gesichtsverlust in einer tränenreiche Minute kneten kann“.

 

So gerüstet geht es auf „die Innere“, einen Ort, an dem Cromwell zu sich finden soll, vor allem aber zunächst auf eine ganze Reihe von Personen trifft, die jede einzelne von Borowiak wunderbar gezeichnet die Flure der Station bevölkern. Mit ihrer eigenen Geschichten und, vor allem, ihren eigenen Hoffnungen. Die oft und oft zerschellen am Leben und wieder auf die Station führen. Wie der Leser noch erleben wird.

 

Sei es der „Chief“, die feste Größe und tragfähige Person unter den Patienten, sei es „XXL“, Cromwells Zimmerpartner, fast Auslöser eines „großen Kriminalfalls“ und später eine bedauernswerte Entwicklung nehmend.

 

Bestens trifft Borowiak die Atmosphäre der „Entgiftung“, lässt den Leser immer und immer wieder mit Humor an den eigentlich doch auch beklemmenden Momenten teilnehmen, durchwacht die Nächte mit Cromwell und lässt, wie nebenbei, die Liebe mitschwingen, die ganz eigene Wege finden wird und sich, wie alle Beteiligten, um Normen und festgelegte Rahmungen nicht scheren wird.

 

 

Auch wenn im Lauf des Romans der Leser sich ein wenig mehr an Tempo hier und da wünschen würde und der Versuch der Detektei irgendwie doch unausgegoren verbleibt, was Atmosphäre und „Personal“ angeht, ist es eine wahre Freude, sich dieses Buch zu Gemüte zu führen und, hinter aller Ironie und neben allem Humor, auch ein lehrreicher, in der Tiefe treffender, Einblick auf „die andere Seite“ der „trockenen“ Welt.

 

M.Lehmann-Pape 2014